nd-aktuell.de / 17.05.2015 / Politik

»Was werden sie uns noch alles abverlangen?«

Ein Streiktagebuch aus Saarbrücken, dritter Eintrag

Sonja Ruf

Meine Freundinnen finden es »cool«, dass der Kita-Streik mich zur »Bloggerin« macht. Es gibt aber ein Problem: Alle, mit denen ich mich unterhalte, sind dem Arbeitgeber gegenüber zu Datenschutz und Geheimhaltung verpflichtet. Ich bins ja auch. Damit die O-Töne von der Basis hier trotzdem gehört werden, nenne ich keine Namen.
Ich frage drei junge Erzieher aus einer Krippe: »Was ist das Schlimmste an eurem Beruf?«
»Wenn die Krankheitswelle kommt. Dann willst du dich auseinander reißen. Und wenn du selbst krank wirst, das schlechte Gewissen. Weil du dann genau weißt, jetzt muss sich die Kollegin zerreißen.«
»Und das Schönste?«
»Sehen, wie die Kinder sich entwickeln.«
Eine ältere Kollegin sagt, sie hätte früher mehr Zeit mit den Kindern verbringen können.
Eine gepflegte Frau äußert ihre Sorge: »Was werden sie uns noch alles abverlangen, wenn sie uns jetzt mehr geben?«
Als bei der Demonstration vergangenen Dienstag das Wort »Portfolio« fiel, gab es spontane Buhrufe und Gelächter. Bildungsdokumentationen, Leitbilddiskussionen, Öffentlichkeitsarbeit, Qualitätsmanagement - als wäre nur Verschriftlichtes und distanziert-Beobachtendes wertvoll.
Allerdings blasen auch Gewerkschafter in dieses Horn, indem sie die »alten« Kitas als »reine Bastel- und Singekreise« schmähen. Muss man denn, um das Heutige aufzuwerten, das Frühere abwerten?
Die Dreijährigen, die heute in die Kita kommen, können manchmal kein einziges Wort Deutsch.
Und nach drei oder vier Jahren ist es dann vor allem der Kita zu verdanken, wenn das Kind eingeschult werden kann.
In der nicht selektierenden Gruppe wird sich jede Erzieherin intensiv um das Kind mit der Behinderung, das durch die familiären Umstände geschädigte Kind oder das Kind kümmern, das die anderen Kinder und Erwachsenen einfach deshalb nicht verstehen kann, weil es als erstes eine andere Sprache gelernt hat - und das trotzdem mitspielen und nachahmen möchte.
Wenn Kinder nicht getrennt werden nach »normalen« und solchen mit besonderem Förderbedarf, sondern alle zusammen in der selben Gruppe sind, dann ist es sinnlos, die Erzieher in Entgeltgruppen für leichte und schwierige Tätigkeiten zu sortieren.
Aber mit der geforderten finanziellen Aufwertung für alle ist es nicht getan.
Das erkennen auch viele Arbeitgeber. Für die oben erwähnte Krippe soll demnächst eine Springerin eingestellt werden, die da ist, wenn die nächste Krankheitswelle kommt.