Zu den bisher üblichen Therapien - Operation, Bestrahlung, Chemo - kommen auch in der Onkologie neue, »gezielte« Medikamente. Langfristig haben diese nach Meinung des Buchautors und SPD-Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach sogar das Potenzial, Krebs »kontrollieren« zu können - von Heilung will er nicht sprechen. Aber selbst diese Etappe wird frühestens in 30 Jahren erreicht. Zwar hat die Entwicklung bereits begonnen, allerdings mit etlichen Schwierigkeiten, denn die gezielte Behandlung brachte nur bei sehr wenigen, noch dazu seltenen Krebsarten bisher einen Durchbruch. Beispielhaft dafür steht das Medikament Imatinib (Glivec) gegen die chronisch myeloische Leukämie (CML). Der Fortschritt war hier möglich, weil bei CML das den Krebs beschleunigende, veränderte Gen bekannt ist. Erfreulicherweise überleben unter Imatinib 80 Prozent der Patienten wahrscheinlich zehn Jahre - mit Chemotherapie waren es nur 20 Prozent. Der Haken: Die Betroffenen müssen Imatinib ein Leben lang einnehmen, jährliche Kosten 51 000 Euro. Was wiederum erfreulich für den Hersteller Novartis ist, der damit allein 2014 4,7 Milliarden Dollar verdiente. Lauterbach liefert weitere Zahlen und Hintergründe zur Preisentwicklung und den offenbar schon längst wieder eingespielten Entwicklungskosten.
Den neuen, noch sehr teuren Therapien widmet der Epidemiologe in seinem Buch einen großen Abschnitt. Da sind etwa die Tyrosinkinaseinhibitoren (TKI) - hinter dem Wortungetüm verbergen sich Moleküle, die speziell auf die Wachstumssignalketten der Krebszelle wirken. Sie verhindern, dass Tyrosin sich am Aufbau weiterer Proteine beteiligt. Zu dieser Gruppe von Medikamenten gehört auch das genannte Imatinib, das jedoch einen Sonderfall darstellt, weil hier nur ein Protein »entgleist« ist. Üblicherweise wirken acht bis 15 solcher Störungen bei der Krebsentstehung mit. »Entsprechend sind die neuen Therapien klinisch weniger eindrucksvoll als im Experiment«, berichtete Lauterbach bei der Vorstellung seines Buches. »Der Krebs kann den Therapieeinfluss umgehen, und das Tumorwachstum kommt mit geballter Kraft zurück«. So würden die neuen Medikamente oft überschätzt.
Lauterbach zeigt sich einerseits als Mediziner fasziniert vom Fortschritt der Onkologie, andererseits macht ihn die Preisentwicklung der Therapeutika als Gesundheitspolitiker nervös. Das liegt auch daran, dass bisher nur wenige Patienten in den Genuss der teuren Neuentwicklungen gekommen sind. Deren Zahl wird sich aber vervielfachen: Die geburtenstarken Jahrgänge der sogenannten Babyboomer werden alt. Und weil Alter einer der wesentlichen Risikofaktoren für Krebserkrankungen ist, werden die Fallzahlen weiter steigen, so das Szenario von Lauterbach. Verschärft wird die Lage paradoxerweise durch den medizinischen Fortschritt: Während durch bessere Versorgung und moderne Therapien zum Beispiel immer weniger Herzinfarkte zum Tode führen, steigt bei den überlebenden Senioren rein statistisch das Risiko, in den gewonnenen Jahren an Krebs zu erkranken.
Angesichts dessen beschäftigt sich Lauterbach nicht nur mit den wesentlichen Risikofaktoren und zeigt recht nüchtern - offenbar auch angesichts eigener politischer Wirkungslosigkeit - was sich hier noch ändern müsste, unter anderem beim Zurückdrängen der Tabakwerbung. Beim Kampf gegen die Preispolitik der Unternehmen ermutigen zunehmende Auseinandersetzungen in den USA, die sowohl von Ärzten wie auch von Ökonomen mit Big Pharma ausgefochten werden. Für Europa wünscht sich der SPD-Politiker nach der gemeinsamen Zulassung auch eine EU-weit einheitliche Kostenerstattung. In der Bundesrepublik müsste es für die schnellen Zulassungen von Krebsmedikamenten Nachbesserungen am vorhandenen AMNOG geben, einem Gesetz, das den Herstellern zumindest für das erste Jahr hohe, selbst festgelegte Preise ermöglicht. Aber schon die hier zu erwartenden Diskussionen mit dem Koalitionspartner in Gestalt des Bundesgesundheitsministers Hermann Gröhe (CDU) erscheinen Lauterbach so schwierig, dass er sich dazu noch nicht äußern will.
Karl Lauterbach: Die Krebs-Industrie. Rowohlt Verlag Berlin 2015. 288 Seiten, 19,95 €.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/982551.der-fortschritt-und-sein-preis.html