nd-aktuell.de / 29.09.2015 / Berlin / Seite 13

Großonkel Gropius

GELESEN

Andreas Fritsche

Gedanklich noch im Spätklassizismus verhaftet, den Ideen des preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel folgend, entwarf der Architekt Martin Gropius (1824-1880) auch ein praktisches Regalsystem für die Universitätsbibliothek Kiel. Sein Schaffen - mit mindestens 120 Bauten und Projekten galt er als der meistbeschäftigte Berliner Privatarchitekt seiner Zeit - zeigt schon Ansätze der Moderne, die dann durch seinen Großneffen, den Bauhausarchitekten Walter Gropius mitbestimmt wurde.

Etabliert hat sich Martin Gropius mit den Kliniken, die er gemeinsam mit seinem Partner Heino Schmieden plante, darunter das Krankenhaus am Friedrichshain in Berlin. Den Auftrag für das erste große Projekt, die für 500 Patienten ausgelegte Landesirrenanstalt Eberswalde, erhielt Gropius 1860 noch allein. Er entwarf einen mehrflügeligen, aber in sich noch geschlossenen Gebäudekomplex, der um drei Innenhöfe gruppiert ist. Der dann im Krankenhaus am Friedrichshain verfolgte Ansatz, die einzelnen Abteilungen in verstreut liegenden Pavillons unterzubringen, um die Übertragung ansteckender Krankheiten einzudämmen, galt als richtungsweisend, solange die Hygiene keine anderen Möglichkeiten fand.

Viele Gebäude sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden oder auf andere Weise verloren, andere stark überformt. Im Krankenhaus am Friedrichshain etwa blieb wenig von der historischen Substanz erhalten. Auch der nachträglich nach dem Architekten benannte Martin-Gropius-Bau, den er als Kunstgewerbemuseum entworfen hatte, zeigt im Zentrum der Hauptstadt heute nicht mehr sein originales Gesicht.

Doch ein Nachfahre aus der Familie Gropius, der Hochschullehrer Arnold Körte, hat die Biografie des Architekten und die Entstehungsgeschichte seiner Bauwerke gründlich recherchiert und aufgezeichnet. Dabei konnte er auf private Briefe aus Familienbesitz zurückgreifen, die noch nicht wissenschaftlich ausgewertet waren. Das Buch »Martin Gropius - Leben und Werk eines Berliner Architekten« ist deshalb in doppeltem Sinne gewichtig, nämlich wichtig und zugleich sehr schwer. Man muss es aufgeschlagen am Schreibtisch lesen, denn in der Hand ist es kaum zu halten.

Körte beginnt seine Darstellung mit den Vorfahren und Verwandten, die zum Beispiel erfolgreiche Seidenfabrikanten, Theatermaler und Verleger gewesen sind, beschreibt die langwierige Ausbildung und die Reife des Baumeisters, der es schließlich bis zum Professor an der Bauakademie brachte. Körte erzählt vom frühen Tod der ersten Ehefrau Elisabeth im Kindbett - nach der Geburt der zweiten Tochter - und von der späteren Heirat mit Julie, die ihm ebenfalls mehrere Töchter schenkt.

In seinen letzten Lebensjahren wurde Martin Gropius von Nervenleiden und einer Schüttellähmung geplagt, die ihn oft am Zeichnen hinderten. Die Schüttellähmung gilt heute als Parkinsonerkrankung.

Arnold Körte: »Martin Gropius. Leben und Werk eines Berliner Architekten«, 590 Seiten, 833 Abbildungen, Lukas Verlag, 70 Euro