Linke Leute von rechts

  • Roberto de Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.
Im Umfeld der neuen Montagsdemonstrationen tummeln sich tatsächlich viele Menschen mit rechts eingefärbten Ansichten. Fast gefährlicher sind aber jene Stimmen der Bewegung, die verkünden, die Zeiten von Links und Rechts haben nun endgültig passé zu sein.

Jutta Ditfurth behauptet seit einigen Wochen, dass die neuen Montagsdemonstrationen für den Frieden von antisemitischen und rechten Parolen begleitet werden. Einige Initiatoren würden etwaige Slogans nicht nur dulden, sondern dort selbst in »antisemitischer Kodierung« sprechen. In einem Interview mit der »Kulturzeit« erklärte sie letzte Woche genauer, was hier heranwächst.

Dabei scheint mindestens eines klar: Wenn dieses »Protest-Marketing« kein Antisemitismus ist, dann doch wenigstens der inhaltlich nationalistische Versuch, die Auswüchse der Finanzwirtschaft den Vereinigten Staaten und der Federal Reserve alleine in die Schuhe zu schieben. Deutschland also wieder mal fremdbesetzt und schuldlos? Jedenfalls vernimmt man den altbekannten Ruf »Deutschland erwache!« häufiger aus den Reihen der Demonstranten.

Worauf ich hinaus will ist, dass dieser Veranstaltung etwas mehr als Widersprüchliches anhaftet. Mit Kritikern gehen diese Friedensbewegten relativ ruppig, ja kriegerisch um. Ditfurth berichtet von Beleidigungen und Versuchen, ihr Facebook-Profil zu kapern. Sieht so wehrhafter Pazifismus von heute aus?

Es droht sich ferner »linker Protestgeist« mit teils »rechten Parolen« zu vermischen. Etwas, was schon Joe Bageant in seinem Buch »Auf Rehwildjagd mit Jesus« als neue Taktik neurechter Bewegungen enttarnte. Das Tea Party Movement mache es nämlich ganz genauso.

Ich habe ein wenig den Gesprächen bei Facebook »gelauscht« und teils selbst in solche eingegriffen. Was ich besonders oft zu lesen bekam, waren Ansichten von kruder Querfront-Logik. Man sagte mir, dass die Zeiten von »Rechts- und Linksdenken« vorbei seien. Die Leute könnten nichts damit anfangen und deshalb müsse man aufhören, in politische Lager zu scheiden.

Einer meinte gar, es sei eine basisdemokratische Sache, die hier entstehe – und daher sei es legitim, dass auch »klassisch rechte Themen« in den Diskurs geworfen würden. Wie bitte? Montagsdemos, bei denen man nicht nur ganz ungeniert über die Überfremdung oder den »Sozialschmarotzer« sprechen kann, sondern diese Themen gleichberechtigt neben linken Themen wie »soziale Gerechtigkeit« und »multikulturelles Miteinander« stellt?

Diese Gleichsetzung von Links und Rechts halte ich persönlich für gefährlicher als all die offenen antisemitischen und nationalistischen Parolen zusammengenommen. Denn diese Auffassung schaltet das demokratische Element der »Alternative« aus. In Zeiten, in denen »alternativlos« als »Unwort des Jahres« taugt, irgendwie auch nicht verwunderlich. Aber wer die Alternative, die es zwischen rechter und linker Weltanschauung natürlich gibt, einfach mal aufhebt, kann doch nicht ernstlich glauben, dass er gegen eine vornehmlich rechte Ökonomie – und sei es nur als »Opposition auf der Straße« - bestehen kann.

Die Querfront-Taktik ist auf den ersten Blick natürlich praktisch. Sie holt viele verschiedene Positionen ins Boot. Aber wer viele auch gegensätzliche Positionen vertritt, vertritt letztlich gar keine. Wie lassen sich denn in einer Bewegung der »Schutz der Menschenrechte« und gleichzeitig »Diskussionen über den Sinn der Multikulturalität« unter einen Hut bringen? Wie »Aufklärung über das Wirtschaftssystem« und »substanzlose Verschwörungstheorie«? Wenn man Rechts und Links zusammenlegt, kommt nur zum Vorschein, dass es universelle Ideale nicht gibt – und schlimmer noch: Dass Ideale nach Mehrheitswillen verhandelbar sind. Da war ja selbst der Ratzinger-Papst weiter, der es für ausgeschlossen befand, dass in Fragen der »Würde des Menschen und der Menschheit« ein Mehrheitsprinzip gelten könne.

Der Publizist Kurt Hiller (1885 – 1972) taufte mal die Nationalisten der Weimarer Republik, die sich sozialistische Elemente aneigneten, um sich mit der Sowjetunion gegen den kapitalistischen Westen zu verbünden, »linke Leute von rechts«. Diese Bezeichnung trifft sicher nicht auf alle Montagsdemonstranten zu. Viele engagieren sich sicher seriös für den Frieden. Aber einige solcher »linken Leute von rechts« haben dort zu viel zu sagen.

Abonniere das »nd«
Linkssein ist kompliziert.
Wir behalten den Überblick!

Mit unserem Digital-Aktionsabo kannst Du alle Ausgaben von »nd« digital (nd.App oder nd.Epaper) für wenig Geld zu Hause oder unterwegs lesen.
Jetzt abonnieren!
- Anzeige -

Das »nd« bleibt gefährdet

Mit deiner Hilfe hat sich das »nd« zukunftsfähig aufgestellt. Dafür sagen wir danke. Und trotzdem haben wir schlechte Nachrichten. In Zeiten wie diesen bleibt eine linke Zeitung wie unsere gefährdet. Auch wenn die wirtschaftliche Entwicklung nach oben zeigt, besteht eine niedrige, sechsstellige Lücke zum Jahresende. Dein Beitrag ermöglicht uns zu recherchieren, zu schreiben und zu publizieren. Zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit deiner Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Sei Teil der solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

Mehr aus: Der Heppenheimer Hiob