Lesen statt quatschen: Telefonzelle als Bibliothek
Ein kleines Dorf im Havelland hat sich die kleinste Bücherstube des Landes neben Kirche und Feuerwehr gestellt
Platz für Literatur ist in der kleinsten Hütte. Im Dörfchen Garlitz in Havelland gibt es eine der kleinsten Bibliotheken des Landes. In einer früheren Telefonzelle der Telekom liegen etwa 250 Bücher zur Ausleihe aus. »Hier kann jeder kostenlos ausleihen«, sagt die Ortsvorsteherin Gudrun Lewwe (parteilos). »Nimm ein Buch, gib ein Buch« steht auf einem an die Scheibe gepinnten Zettel.
Die klassischen gelben oder pinkfarbenen Telefonzellen sind bundesweit auf den Rückzug. Nach Angaben der Telekom gibt es derzeit nur noch 30 000 davon. 2006 waren es noch 110 000 und 2013 rund 48 000.
Vielerorts hat man für die ausrangierten Häuschen ein zweites Lebens gefunden. Sie stehen in Vorgärten als Dekoration, manche wurden zur Gartendusche oder Mini-Sauna umgebaut. Auch als Requisiten für Filmproduktionen sind sie gefragt. Liegend dienten manche auch als Gewächshaus, sagt Telekom-Sprecher Georg von Wagner.
In Berlin sind drei als Mini-Diskos bekanntgeworden. Bei Münzeinwurf läuft Musik und es darf getanzt werden. »Für einen Tänzer ist zu viel Platz, bei fünf ist es perfekt, bei sechs wird es eng und neun bedeutet Weltrekord«, so skizziert Benjamin Uphues, Geschäftsführer der Betreiberfirma Teledisko, den Spaßfaktor.
»Kaufinteressenten kommen aus allen Bereichen«, so der Telekom-Sprecher. Darunter sind auch Firmen, die die etwa einen Quadratmeter großen Metallgehäuse wieder im ursprünglichen Sinne nutzen. »Ungestört können dienstliche oder vertrauliche Telefonate in Großraumbüros geführt werden«, sagt er.
In einem riesigen Lager in Michendorf (Potsdam-Mittelmark) stehen etwa 3000 ausgediente Telefonzellen. Es ist das einzige dieser Art in Deutschland. Auf dem Gelände werden die Häuschen repariert und warten auf künftige Nutzer. »Die magentafarbenen kosten 600 Euro, die gelben 800 Euro«, sagt von Wagner. Problem: für den Abtransport der etwa eine Tonne schweren Metallzellen ist der Käufer verantwortlich.
Die 70 Kilometer von Michendorf bis nach Garlitz nahe der Grenze zu Sachsen-Anhalt legte die Bibliotheks-Zelle auf einem Tieflader zurück. Der örtliche Heimatverein finanzierte das Projekt. »Die Kommune bezahlte das Fundament«, sagt Lewwe. Weitere Kosten fielen nicht an.
Der Platz mitten auf dem Dorfplatz, gleich neben Feuerwehr und Kirche wurde bewusst ausgewählt. »Es kommt niemand an den Büchern vorbei«, sagt Ortsvorsteherin Lewwe. An die letzte Bibliothek in dem 400-Einwohner-Ort kann sie sich kaum noch erinnern. »30, 40 Jahre ist das her. Bis Anfang der 90er Jahre kam noch eine Fahrbibliothek«, sagt sie. Jahrelang mussten Lesehungrige 20 Kilometer bis nach Rathenow fahren.
Die Garlitzer Bücherbox hat Gabriele Trebesch von ihrem Wohnhaus im Blick. »Wir hatten erst Angst vor Vandalismus«, erzählt sie. Mittlerweile beobachtet sie Lesehungrige, die aus Nachbarorten kommen und sich nicht nur die neue Attraktion anschauen. »Im Kofferraum sind auch Bücher, für die sie keine Verwendung mehr haben«, sagt die junge Frau.
Auf den hölzernen Regalbrettern setzt kein Buch lange Staub an. »Immer wieder ist Neues zu entdecken. Wie in einer großen Bibliothek«, sagt Lewwe. Sie hat aber noch einen Wunsch: auch Zeitschriften oder Zeitungen sollen vorbei gebracht werden. »Darüber würden sich viele freuen.« dpa/nd
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