LIT:potsdam liest Luther

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Das Literaturfestival LIT:potsdam veranstaltet am Samstag und Sonntag ein Lesewochenende zum Thema »Reformation und Leselust«. Im Zentrum steht die Frage, welche Rolle Bildung für reformatorisches und heutiges Denken spielt. Nach Ansicht der Schriftstellerin und Kuratorin des Festivals, Christine Eichel, sollte das Reformationsjubiläum 2017 für eine Bildungsdebatte genutzt werden. Reformator Martin Luther (1483-1546) habe mit seiner Bibelübersetzung eine breite Alphabetisierung und generell die Bildung aller Stände angeregt, auch für Mädchen, sagte Eichel dem Evangelischen Pressedienst (epd). Am Samstag und Sonntag wird Eichel im brandenburgischen Schloss Reckahn unter dem Motto »Reformation und Leselust« unter anderem mit dem Philosophen Peter Sloterdijk, mit den Autoren Thea Dorn und Durs Grünbein und mit Opernintendant Jürgen Flimm debattieren.

Eichel betonte, Luther selbst habe die Debattierfreudigkeit jenseits kirchlicher Dogmen gefördert, den Diskurs für Laien geöffnet und Bibelinterpretationen in Gemeinden und Bibelkreisen angeregt. »Das war etwas völlig Neues« sagte sie und zeigte sich zugleich überzeugt, dass Debatten und Diskursfreudigkeit zu Toleranz beitragen. »Da ist Luther wieder hochaktuell.«

Besorgt zeigte sich die Pfarrerstochter über den Zulauf, den ausländerfeindliche Gruppen in Deutschland derzeit erhalten. Dies habe viel mit »einer urdeutschen Angst vor Vermischung und Überfremdung« zu tun, so Eichel. Dazu komme eine »ökonomisch motivierte Angst, dass einem etwas weggenommen wird, dass man für Menschen, die man hier nicht wünscht, zahlen müsse«.

Die Betonung protestantischer Werte für das Gemeinwesen wie Nächstenliebe, Toleranz und soziales Engagement könnten dieser Entwicklung entgegenwirken, betonte Eichel. Allerdings müsse der Protestantismus im Lutherjahr sich auch selbstkritisch mit seinen antisemitischen Traditionslinien auseinandersetzen. »Luthers antisemitischen Spätschriften haben vielen Protestanten als Legitimierung eigener Ressentiments gedient und den Antisemitismus für spätere Jahrhunderte salonfähig gemacht. Ähnlich negativ wirkte sich Luthers Obrigkeitsgehorsam aus, die Vorstellung, jede weltliche Regierung sei gottgewollt. Auch das muss aufgearbeitet werden.«

Die LIT:potsdam startete knapp eine Woche nach dem Festival »Reformation und Leselust« am 7. Juli mit einer Lesung des »Writers in Residence 2016«, dem Schriftsteller Daniel Kehlmann, im Park der Villa Jacobs in Potsdam. An dem renommierten Literaturfestival nehmen außerdem die Autoren Karen Duve, Julia Franck und John von Düffel sowie der Kritiker Denis Scheck, Regisseur Volker Schlöndorff und Wissenschaftler Hans Joachim Schellnhuber teil. epd/nd

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