Dramatische Sicherheitslage
Ralf Streck über die Zustände in französischen Atomkraftwerken
Es ist bezeichnend, wenn der Chef der französischen Atomaufsichtsbehörde ASN kürzlich im Rückblick auf das vergangene Jahr von einer »besorgniserregenden Sicherheitslage« in französischen Atomkraftwerken sprach. Noch aussagekräftiger ist, dass Pierre-Franck Chevet erklärte, die Lage sei »noch besorgniserregender als zu Beginn des Jahres 2016«. Dass es nun, Anfang 2017, in der Anlage Flamanville gebrannt hat und eine Explosion gab, kurz nachdem es im grenznahen Cattenom zwei Mal brannte, macht die dramatischen Zustände deutlich. Der französische Atompark ist alt und hat fatale Probleme, die niemand für möglich halten würde. So geriet in Fessenheim ein Meiler außer Kontrolle, weil die Schaltschränke nicht wasserdicht waren. In keinem Bad würden Elektriker so etwas zulassen.
In Frankreich laufen derzeit, weil es die ASN wieder erlaubt hat, mindestens neun von zwölf Atommeilern, in denen Bauteile verbaut sind, die den Sicherheitsanforderungen nicht entsprechen. Chefaufseher Chevet räumt auch ein, dass in einigen Fällen Sicherheitszertifikate für bedeutsame Bauteile gefälscht worden sein könnten. Abgeschlossen ist die Untersuchung der Unterlagen der Areva-Fabrik Forge Creusot noch nicht. Die ASN meint, dass es eine »erneute, diesmal komplette Überprüfung aller Fabrikationsunterlagen« geben müsse, und schließt nicht aus, dass dabei »erneut schwerwiegende Unregelmäßigkeiten« festgestellt werden. Es drängt sich geradezu der Verdacht auf, dass man die Sicherheit kurz vor dem strammen Winter, wo der Stromverbrauch bis an die Kapazitätsgrenze anstieg, hintenanstellte. Meiler wurden vorzeitig wieder ans Netz gelassen, um zu verhindern, dass im zu 80 Prozent von Atomstrom abhängigen Frankreich die Lichter ausgehen. Und trotz allem musste der Energiekonzern EDF die Menschen zum Stromsparen aufrufen, um einen möglichen Blackout zu verhindern. Frankreich hat schlicht und einfach die Energiewende verschlafen. Eine falsche Politik, die zunehmend zu Lasten der Sicherheit der Atomkraftwerke geht.
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