Zwischen den Kulturen

Bildungsrauschen

  • Lena Tietgen
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Hineinwachsen in die Welt der Erwachsenen wurde von Philosophen und Wissenschaftlern schon immer entweder argwöhnisch oder besonders wohlwollend verfolgt - vor allem, wenn Jugendliche ihren Zweifeln den Drang produktiven Schaffens entgegensetzen und dafür gern originelle Wege gehen. »Später anfangen, aktives Lernen und weniger Hausaufgaben« forderten etwa Bildungsexperten jüngst auf der internationalen Konferenz »Schools of Tomorrow« in Berlin. Das mag naiv klingen, ist im Kern aber richtig. Beispiel »aktives Lernen«. Urvater des aktiven Lernens ist der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts diese Form der Wissensvermittlung als Projektarbeit in seiner Laborschule in Chicago umsetzte (zeit.de).

Während die Reformpädagogik und das Bildungssystem der DDR diese Idee aufgriffen, blieb sie aus dem öffentlichen Schulsystem der Bundesrepublik weitgehend verbannt. Erst mit der Bildungsreform Ende 1960er Jahre und im Kontext der Gesamtschule fand eine Öffnung statt. Seit Einführung der Gemeinschaftsschule spricht man wieder vermehrt von Projektunterricht. Richtig durchsetzen aber konnte er sich bisher noch nicht.

Ende 2016 wurde nun publik, dass Finnland als Pilotprojekt diese Idee weiterentwickelt. Demnach soll künftig auf den Fächerkanon verzichtet werden. Stattdessen sollen die Schüler Themen und Ereignisse interdisziplinär in Arbeitsgruppen erarbeiten. »Phänomen-Unterricht« nennt man diesen Unterricht, so spiegel-online.de und führt das Beispiel Zweiter Weltkrieg an, der so »gleichzeitig aus historischer, geografischer und mathematischer Perspektive« erforscht werde. Oder »Arbeiten in einem Café« an dem »Kenntnisse in Englisch und Wirtschaft sowie schriftliche und mündliche Kommunikationsfähigkeiten« erworben werden. Zunächst sei aber nur die Oberstufe betroffen, also Jugendliche ab 16 Jahre; 7 bis 16 Jährige würden langsam in immer länger dauernden Phasen an den Phänomen-Unterricht herangeführt. Diese Lernform bedeutet auch, dass Lehrkräfte teamorientiert arbeiten müssen. 2020 soll die Umstellung abgeschlossen sein. Finnland setzt dabei von Anfang an auf Lehrerfortbildung und -motivation. Schon zu Beginn hätten »zwei Drittel« der an diesen Schulen arbeitenden Lehrkräfte eine entsprechende Fortbildung und einen »Lohnzuschlag« erhalten, heißt es bei spiegel-online.de weiter.

Ein ganz anderes Terrain behandelt der Text »Pubertät und die Beziehung zwischen den Geschlechtern aus islamischer Sicht« auf medienbibliothek-islam.de. Im Mittelpunkt steht das Gebot, Sexualität nur in der Ehe zu leben. Dennoch dürfe ein »starker Drang« bei Jugendlichen nicht »verschoben oder zum Zwecke der Weiterbildung unterdrückt werden«. Das ist eine problematische Formulierung, denn sie kann auch als Befürwortung einer frühen Heirat interpretiert werden. Der Text zeigt, wie spannungsgeladen das Verhältnis zwischen islamischer Religiosität und säkularer Schule ist. Jugendliche dieser Kultur leben deshalb in einer Spannung zwischen Herkunftsmilieu und Mehrheitsgesellschaft. Lena Tietgen

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