Unbefristete Unsicherheit
Grit Gernhardt ärgert sich über immer mehr Kurzzeitverträge
»Befristet« lautet neben »unbezahltem Praktikum« und »Flexibilität« eins der Angstwörter der 30- bis 50-Jährigen. Und das zu Recht, wie aktuelle Zahlen belegen. Dass im vergangenen Jahr 45 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Stellen nur befristet vergeben wurden und diese Quote seit Jahren ansteigt, ist besorgniserregend. Denn Befristungen bedeuten nicht in erster Linie, dass man einen Fuß in die Tür der Firma bekommt - nur 40 Prozent der befristet Angestellten werden weiterbeschäftigt -, sondern sie bedeuten Unsicherheit: über den Wohnort, die Familienplanung und darüber, wovon Miete, Essen und Strom nach Auslaufen des Vertrages bezahlt werden sollen. Diese Situation belastet und macht sogar krank, das zeigen verschiedene Studien.
Dennoch können es sich die wenigsten Arbeitsuchenden leisten, eine befristete Stelle nicht anzunehmen, wenn - wie im sozialwissenschaftlichen Bereich - kaum noch andere angeboten werden. Sicher gibt es gute Gründe für zeitlich begrenzte Arbeitsverträge, etwa Elternzeitvertretungen oder Projekte. Dass solche Beschäftigungsverhältnisse aber zur Norm werden, ist eine Gefahr - nicht nur für Betroffene, sondern auch für die Gesellschaft, deren Zusammenhalt durch Unsicherheit bedroht ist. Die Politik könnte helfen, indem sie sachgrundlose Befristungen untersagt. Doch bisher ist das Interesse an einem solchen Schritt nicht einmal befristet mehrheitsfähig.
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