Immer neu, immer anders

Von Obstkörben, Hemden und Quantenkommunikation

  • Stephan Fischer
  • Lesedauer: 2 Min.

Der Jahresbeginn zieht sich oft wie Kaugummi. Der Januar dauerte gefühlt ein Drittel des Jahres und auch, als er endlich geschafft war - ging es einfach so weiter. Während wir Ihnen schon am Dienstag auf Seite 1 mitteilten, dass sich die Regierungsbildung »auf den letzten Metern« befindet, wurde diese Kurzstrecke zu einem veritablen Marathon: Es dauerte noch einmal fast 24 Stunden, bis der Koalitionsvertrag unter Dach und Fach war. Für die live berichtenden Kollegen nachrichtentechnisch eine Durststrecke; zum Schluss wurde vermeldet, dass frische Hemden ins Adenauer-Haus gebracht wurden. Ebenso wie große Mengen frisches Obst. Bananen. Große Mengen Bananen, um genau zu sein.

Wenn sich eine Regierungsbildung derart millimeterweise in Tippelschritten fortbewegt und aus den Verhandlungen dann auch noch so wenig nach außen dringt, als hätten sich die Unterhändler bereits auf die Verschlüsselung mittels Quantenkommunikation verständigt, dann wächst Sehnsucht nach den großen Linien, den großen Zeitläufen, den Strömen unterhalb von sachgrundlosen Befristungen und Mitgliederentscheidsvorbehalten.

Vielleicht deshalb die Aufregung um den »Zirkeltag« zu Beginn der Woche, um jene zweimal 10.315 Tage, die die Berliner Mauer stand und auch gefallen ist. Der Mauerfall ist auch Symbol für jene Zeitenwende in Europa, die nach dem Zwei-plus-Vier-Vertrag zum Abzug der zunächst noch sowjetischen, später russischen Armee aus dem vereinigten Deutschland führte. Wer sich daran erinnern kann, wie die Soldaten in den damals noch brandneuen Bundesländern an den Bahnstrecken lagerten und warteten, wird diese Bilder nur schwer mit einer Siegermacht in Einklang bringen. So geräuschlos fand selten ein Abzug einer siegreichen Armee statt - Gewinner als Geschlagene einer sich bereits auflösenden Weltordnung. Deren Ruinen und Spuren noch heute zu finden sind.

Wem nun der Sinn weder nach Sondierungskoalitionsinterregnum noch nach dem Tiefenschürfen in der Historie steht, dem sei ein Perspektivwechsel ans Herz gelegt. Eine Reise wirkt da oft Wunder, auch wenn es nun nicht nach Jamaika geht, sondern nach Dublin oder nach Schottland. Nicht die sonnigsten und wärmsten Ziele, zugegeben, aber doch mit ganz eigenem Reiz. Als Ausgleich für die fehlende Vitaminzufuhr helfen ja im Zweifel auch Bananen. Große Mengen, um genau zu sein.

Manchmal bedarf es nur einer einfachen Kopfbewegung, eines Blicks in den Himmel: Dort ist immer das gleiche Schauspiel zu sehen - und doch jeden Moment Einzigartiges. Cumulus und Nimbus statt ewiger Merkel-Dämmerung - Wolken sind das Gegenteil von sich zäh ziehendem Kaugummi.

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