Theodor Fontane im Wanderrucksack
Mit einem Boot setzte der Schriftsteller Theodor Fontane in Schottland zu Lochleven Castle über - und dachte sich dabei, daheim in Brandenburg, als er mit einem Boot auf Schloss Rheinsberg zusteuerte, sei es nicht minder schön gewesen. Das war 1858, und es war die Initialzündung für Fontanes berühmte »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«. Wirklich gewandert ist der Journalist und spätere Romanautor freilich kaum. Er ließ sich zu Gutshäusern kutschieren, sprach mit dem Adel und besichtigte die Ahnengalerien. So sammelte er das Material für viele Kapitel. Zu Fuß gelaufen ist er bei seinen Recherchen so gut wie gar nicht, und Landschaftsbeschreibungen lieferte er vergleichsweise spärlich. Stattdessen erzählte Theodor Fontane die Geschichte seiner Heimat, oft besang er ewig lang die Heldentaten preußischer Heerführer.
Wer die »Wanderungen« gelesen hat - schön ist beispielsweise die siebenbändige Ausgabe aus dem Aufbau Taschenbuchverlag -, dem ist das klar. Dem ist bekannt, dass die Tourismuswerbung gern einmal aus dem Zusammenhang gerissene Sätze aus diesem Werk für ihre Zwecke verwendet und dabei frech weglässt, dass Fontane nicht vorbehaltlos schwärmte, sondern sich auch mal abfällig äußerte.
Ulrike Wiebrecht weiß das alles und unterschlägt es nicht. »Wenn Theodor Fontane sich ausnahmsweise zu Fuß auf den Weg gemacht hat, dann mit Sicherheit nicht, um die viel beschworene ›Magie des Gehens‹ zu spüren oder Abstand vom Alltag zu gewinnen. Ihm ging es auch nicht vordergründig um Naturgenuss«, legt sie in der Einleitung ihres Reiseführers »Wandern auf Fontanes Wegen« offen. Pünktlich vor den Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag Fontanes im kommenden Jahr veröffentlichte der via reise verlag das Bändchen.
Enthalten sind Vorschläge für 19 Touren in Berlin und Brandenburg, die zehn bis 29 Kilometer lang sind. Beliebte Strecken sind dabei, wie der Rundweg um den Großen Stechlinsee. Dazu gibt es Wegbeschreibungen und Übersichtspläne, Angaben zur An- und Abfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Adressen von Gaststätten für eine Einkehr und die Öffnungszeiten von Schlossmuseen. Wo es sich anbietet, sind Badestellen angegeben.
Dass Fontane diese Wanderwege nie benutzte, höchstens mal ein ganz kleines Stückchen davon gelaufen ist, schmälert das Vergnügen keineswegs. Der Buchtitel »Wandern auf Fontanes Wegen« hat insofern seine Berechtigung, als dass die Strecken zu Sehenswürdigkeiten führen, die Fontane aufgesucht und beschrieben hat.
Immer wieder garniert Wiebrecht ihren Wanderführer mit hübschen Fontane-Zitaten, und man hat bei ihr nicht das Gefühl, dass sie etwas beschönigt. So gibt sie wieder, was Fontane über Buckow aufschrieb: »Seine Häuser kleben wie Nester an Abhängen und Hügelkanten, und sein Straßenpflaster, um das Schlimmste vorwegzunehmen, ist lebensgefährlich.« Aber natürlich hat sich viel verändert seit Fontanes Zeiten, und Wiebrecht sagt, wo es schön ist. Die »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« sind zu schwer, um sie mitzuschleppen. Doch der handliche Wanderführer passt gut in den Rucksack.
Ulrike Wiebrecht: »Wandern auf Fontanes Wegen«, via reise verlag, 168 Seiten, 14,95 Euro
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