Einbahnstraße in die Isolation

Blasenschwäche wird oft verschwiegen / Krankheit meistens heilbar

  • Martina Janning
  • Lesedauer: ca. 2.0 Min.

Millionen Deutsche verlieren unwillkürlich Urin oder Stuhl; im Alter ist jeder Dritte davon betroffen. Dennoch ist Inkontinenz ein ausgeblendetes Thema. Ein bundesweiter Informations- und Aktionstag am 30. Juni soll das ändern.

Fünf bis zehn Millionen Frauen und Männer in Deutschland leiden an Harn- oder Stuhlinkontinenz. Die genaue Zahl kennt niemand, denn viele schämen sich und suchen keine Hilfe bei einem Arzt. Gegen Inkontinenz lässt sich aber etwas tun, sagt der Vorsitzende der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft, Klaus-Peter Jünemann. »Die Mehrzahl der Fälle von Inkontinenz ist heute heilbar.« Ansonsten sei Harn- und Stuhlinkontinenz mit Medikamenten und medizinischen Hilfsmitteln so behandelbar, dass das Leiden »sozialverträglich« ist. Doch aus Unwissenheit ziehen sich viele Betroffene zurück. Gerade für Ältere hat das oft fatale Folgen. Auf Scham, Rückzug und Isolation folgen geistiger wie körperlicher Abbau und schließlich die Aufnahme in ein Altersheim, sagt Ingo Füsgen, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Geriatrie der Kliniken St. Antonius in Wuppertal: »Für viele ist Inkontinenz so eine Einbahnstraße aus dem Leben.« Um soziale Vereinsamung zu verhindern und das Thema aus der Tabuzone zu holen, veranstaltet die Deutsche Kontinenz-Gesellschaft dieses Jahr zum ersten Mal einen Deutschen Kontinenz-Tag. Am 30. Juni 2007 sollen in den 16 Landeshauptstädten Patientenforen stattfinden. Zeitgleich von 10 bis 13 Uhr lautet die Frage »Inkontinenz - was tun?« und Experten werden über die Möglichkeiten der Behandlung referieren. Anschließend beantworten sie Fragen aus dem Publikum. Der Kontinenz-Tag ist als Höhepunkt und Abschluss einer ganzen Woche über Blasen- und Darmschwäche geplant, in der zahlreiche Veranstaltungen über das Thema stattfinden sollen. Der Eintritt ist kostenlos. Inkontinenz betrifft zwar junge wie alte Menschen. Doch ab dem 50. Lebensjahr steigt die Zahl der Betroffenen stark an. Bis zum Alter von 80 Jahren leiden vor allem Frauen unter Inkontinenz, doch von da an haben fast 30 Prozent beider Geschlechter damit zu tun. Die Bevölkerungsentwicklung wird das Problem in den kommenden Jahren verschärfen. Die Generation »80 Plus« wird sich in den nächsten 20 Jahren fast verdoppeln. Wir »werden damit einen deutlichen Anstieg der Inkontinenzproblematik zu verzeichnen haben«, betont Füsgen. »Bei den älteren Betroffenen kommt hinzu, dass Inkontinenz häufig mit typischen altersabhängigen Erkrankungen verbunden ist und den Pflegebedarf steigert.« Nach Untersuchungen der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft sind 70 Prozent der Patienten in Altenpflegeheimen harninkontinent, bis zu 40 Prozent verlieren Urin und Stuhl. Inkontinenz verursacht schon heute Kosten in Milliardenhöhe. Allein die Barmer Ersatzkasse gibt pro Jahr rund 120 Millionen Euro für die Behandlung aus. Etwa 70 Prozent dieser Kosten bezahlt die Kasse, um Patienten ambulant und mit Heil- und Hilfsmittel zu versorgen. Im Alter jedoch stößt das ambulante Behandeln und Betreuen blasen- und darmschwacher Menschen oft an Grenzen. Inkontinenz ist der häu...

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