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Die Mission possible der Kommissare Schenk und Ballauf
Durch ein Theaterprojekt wollen die beiden Schauspieler Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt Kindern im Knast helfen
Weltweit sind rund eine Million Kinder im Knast. Besonders schlimm ist die Situation in Teilen Asiens. Die Kölner Tatort-Kommissare Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt hat das Schicksal dieser Kinder nicht kalt gelassen; sie haben einen Verein ins Leben gerufen, der helfen will. Neuestes Projekt ist ein Jugendtheaterstück; »KnastKinder« soll zusammen mit umfangreichem Hintergrundmaterial zur Situation inhaftierter Kinder interessierten Schulen und anderen Bildungsorganisationen für ihre Theaterarbeit zur Verfügung gestellt werden.
Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt haben Mittagspause. Die beiden Schauspieler, die vor allem als die Kölner Tatort-Kommissare Freddy Schenk und Max Ballauf bekannt sind, drehen derzeit einen weiteren Teil für die sonntagabendliche Krimi-Serie. Sie sitzen in ihrem Wohnwagen und opfern ihre knappe Zeit. Denn sie haben eine Mission. Und sie nutzen jede Gelegenheit, um für »ihr« Projekt zu werben: »KnastKinder«, ein Theaterstück über Kinder, die in asiatischen Gefängnissen gehalten werden wie Tiere: In dunklen, schmutzigen, feuchten Verschlägen, ohne medizinische Betreuung, ohne richtige Kleidung, ohne genügendes und gesundes Essen. Einfach von der Straße weggefangen und ohne Urteil unbefristet inhaftiert, oft grundlos oder wegen Bagatellen. »Erschütternd«, sagt Dietmar Bär.Laut UNICEF sollen weltweit eine Million Kinder betroffen sein, allein auf den Philippinen sind es 20 000. Die Kinder haben keine Lobby, keine Hilfe. Das wollen Bär und Behrendt ändern. Mit dem Stück »KnastKinder« wollen sie den jungen Häftlingen eine Stimme geben. Lehrer in Deutschland sollen gemeinsam mit ihren Schülern das Stück inszenieren, »und sich so auf spielerische Weise dem Thema nähern«, sagt Klaus J. Behrendt. Daher gibt es bewusst keine Vorlage, kein in Szene gesetztes Stück, nach der sich Schüler und Lehrer richten können. Jede Klasse soll »ihr Stück« fertigen, sagt Ingo Ferrari, Vorstand des Vereins »Tatort - Straßen der Welt«, der die Idee für »KnastKinder« hatte. Die beiden in Berlin lebenden Schauspieler Bär und Behrendt sind Schirmherren der bundesweiten Bildungsaktion. »Schüler hierzulande sollen erfahren, wie es Gleichaltrigen anderswo auf der Welt ergehen kann«, sagt Bär.
Das Theaterprojekt wird durch das Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit gefördert und vom Bundesverband Darstellendes Spiel in der Schule sowie vom Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der BRD unterstützt. Das Textbuch, das in der ersten Fassung vorliegt und gerade für die Schule dramaturgisch überarbeitet wird, ist in den nächsten Wochen über den Verein zu bekommen. In Workshops erhalten Lehrer Tipps und Anregungen für die Inszenierung, die für jeden Schultyp gedacht ist und überall umgesetzt werden kann. Bär und Behrendt geben gern Ratschläge zum darstellenden Spiel, selbst Regie führen oder bei den Proben dabei sein, können sie nicht.
Das Engagement der Schauspieler ist keine Eintagsfliege und hat eine Vorgeschichte, die 1998 begonnen hat. Damals haben Bär und Behrendt für den Tatort »Manila« in der philippinischen Hauptstadt gedreht. Gewöhnlich wird die Krimi-Serie nur in Deutschland gefilmt. Für »Manila« aber mussten Bilder von Originalschauplätzen her: Der Fall, den die Kommissare zu lösen haben, treibt sie auf den Philippinen in einen Sumpf von Kinderhandel und -prostitution. Während der Drehzeit in den Slums von Manila wurde die fiktive Filmwelt für die Schauspieler zur Wirklichkeit. Täglich stießen sie auf Straßenkinder, die stehlen und Klebstoff schnüffeln, um ihr Hungergefühl zu betäuben, auf junge Mädchen, die sich für ein Brötchen verkaufen. Viele von den Jugendlichen wurden vor ihren Augen verhaftet und in Gefängnissen mit Erwachsenen zusammengesperrt, von denen sie missbraucht und gefoltert wurden. »Das Elend persönlich mit anzusehen, ist etwas anderes, als einer Fernsehdokumentation zu folgen«, sagt Dietmar Bär.
Zurück in Deutschland, hat das Filmteam in Köln den »Tatort«-Verein gegründet, der seitdem eine philippinische Kinderschutzorganisation unterstützt, die mit Geld, Medikamenten und Kleidung regelmäßig in die Gefängnisse geht. »Kinder brauchen ein Zuhause, jemanden, der sich um sie kümmert«, sagt Bär. International sind Haftanstalten dieser Art für Minderjährige längst geächtet. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schreibt in einem ihrer Jahresberichte: »Wir sind besorgt über eine Reihe beunruhigender Lücken im philippinischen Recht, die Kinder in Haft der Misshandlung oder Folter aussetzen sowie extremen Verzögerungen und unangemessenen Strafen.«
Im Dezember 2005 waren Bär und Behrendt sowie ihr Krimi-Kollege, der Pathologe Jo Bausch, noch einmal vor Ort. Bausch, auch im richtigen Leben Mediziner, hat Kinder in den Haftanstalten behandelt und ihnen Medikamente verabreicht, Bär und Behrendt wurden als »medizinische Helfer« eingeschleust.
Wer das Stück nicht inszenieren kann oder will, kann auch anders helfen: Mit einer Tatort-Sonderbriefmarke auf einem sogenannten Plusbrief Exklusiv, den die Post seit Kurzem vertreibt. Die Briefumschläge im Wert von 55 Cent, auf denen die Marke aufgedruckt ist, kosten im Verkauf 65 Cent, 10 Cent gehen über den Verein »Tatort - Straßen der Welt« an die »Knastkinder« auf den Philippinen.
Lehrer, die das Textbuch bestellen oder sich für einen Workshop anmelden möchten, können dies ...
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