Klassenzimmertüren stehen offen

Immer mehr Realschüler kommen in die Moabiter Heinrich-von-Stephan-Schule und lassen den Unterricht lebhafter werden

  • Tom Mustroph
  • Lesedauer: 4 Min.
Berlins Schulgebäude sind meist trutzig. Der backsteinerne Bau der Heinrich-von-Stephan-Schule in der Moabiter Stephanstraße 27 hingegen hat sich eine grüne Tarnkappe aufgesetzt. Alles, was Furcht einflößend wirken könnte, ist hinter grünem Blätterwerk versteckt. Zu den Klassenzimmern stehen die Türen häufig offen. Ein bewusst gesetztes Zeichen: Die Lehrer sind keine Einzelkämpfer, keine alleinigen Herrscher in einem von außen nicht einsehbaren Gebiet. Kein Klingeln schrillt durch die Flure. »Wir wollen nicht, dass die Schüler sich nur auf das Läuten konzentrieren und aus der Klasse stürmen, obwohl ein Gedanke noch gar nicht abgeschlossen ist«, erläutert Andreas Hanika. Der Unterricht an der Heinrich-von-Stephan-Schule ist zu Ende, wenn ein Gedanke ans Ende gekommen ist. »Wenn ich natürlich sehe, dass es nur noch wenige Minuten bis zum Ende der Stunde sind oder die Schüler sehr unruhig und unkonzentriert, kann ich auch etwas früher Schluss machen«, gibt der Klassenlehrer einer siebten Klasse zu. Über das Schuljahr verteilt gleichen sich die Zeiten wieder aus. Der Vorteil ist: Die Unterrichtszeit wird effektiver ausgenutzt. Auch im Klassenzimmer selbst hat sich einiges verändert. Die aus alten Schultagen bekannte traditionelle Sitzordnung ist aufgelöst. Tische und Stühle sind zu Vierergruppen sortiert. Statt einem Lehrer, der vorn an der Tafel Anweisungen gibt, führen zwei Pädagogen intensive Gespräche mit einzelnen Schülern. Hanika hält sich bei einer Gruppe auf und kontrolliert den Umgang mit der Lernkartei Deutsch, mit der gezielt die Rechtschreibschwächen der Schüler, die zur Mehrheit aus Familien nichtdeutscher Muttersprache stammen, beseitigt werden sollen. Seine Kollegin Imke Degenhardt übt derweil an einem zweiten Tisch Mathematik. Die Schüler an den restlichen Tischen beugen sich konzentriert über ihre Aufgaben. Nach einer Weile stellen sich Hanika und Degenhardt in den Mittelpunkt und vergeben neue Aufgaben. Später geht Hanika mit einer Gruppe in den Nebenraum, um Deutsch zu üben, während die zweite kleine Gruppe sich mit Degenhardt den Tücken der Bruchrechnung widmet. Zum Geschichtsunterricht holen die beiden Lehrer die Klasse zusammen. Sie lassen die Schüler einen Kreis bilden und das Wissen des Vortags wiederholen. Fächer wie Geschichte und Erdkunde lösen sich in monatlichen Blöcken ab, während die Hauptfächer Deutsch und Mathematik kontinuierlich gelehrt werden. Letztere werden im Regelfall vom Tandem der Klassenlehrer unterrichtet. Auf 17 bis 20 Wochenstunden kommen die Klassenlehrer daher in ihrer Klasse - ausreichend Zeit, damit sich ein persönliches Verhältnis entwickelt. Ein Schüler legt Andreas Hanika einen Zettel vor und fragt ihn, ob er die Schrift erkennen könne. Hanika bejaht. Der Schüler ist froh auch über diese Hilfe; bei dem Zettel handelt sich um einen anonymen Liebesbrief einer Mitschülerin. Abgestellte Klingel, lockere Sitzgruppen und offene Türen sind kleine Bausteine im experimentellen Konzept der im Arbeiterviertel Moabit gelegenen Schule. Der Unterricht im Tandem ist ein zentrales Element. Auch die Gewaltprävention über zu Streitschlichtern ausgebildete Schüler ist erfolgreich - so erfolgreich, dass ein Siebtklässler herablassend sagt: »Hier ist es friedlich wie auf einer Grundschule.« Als die einschneidendste Neuerung der letzten Jahre beschreibt Schulleiter Jens Großpietsch die Entscheidung für den Modellversuch integrierte Haupt- und Realschule. Im Herbst 1999 nahm die einstige Hauptschule erstmals Siebtklässler mit Realschulempfehlung auf. »Anfangs gab es ringsum Skepsis. Eltern von Realschülern zögerten mit der Anmeldung«, erzählt Großpietsch. Es wurde befürchtet, dass sich die Leistungen insgesamt dem Hauptschulniveau anpassten. Doch das Gegenteil ist der Fall. »Es ist jetzt ein anderes Lernen möglich. Mit dem Einzug der Realschüler ist der Unterricht offener und lebhafter geworden«, konstatiert die stellvertretende Schulleiterin Karin Jaeger. Die Schüler werden in ihren Stärken individuell gefördert. Dort, wo sie schwächer sind, erfahren sie Hilfe. Auch untereinander unterstützen sie sich. »Nicht jeder Realschüler ist in jedem Fach gleich gut, nicht jedes Kind mit einstiger Hauptschulempfehlung bleibt Jahre lang auf diesem Niveau. Realschüler müssen nicht mehr befürchten, nach einem schlechten Probehalbjahr wieder weggeschickt zu werden. Die Klassen bleiben zusammen. Die Schüler machen am Ende ihrer Schulzeit die Abschlüsse, die ihrem Leistungsstand entsprechen - den Hauptschulabschluss nach den 9., Realschul- oder Erweiterten Hauptschulabschluss nach der Zehnten Klasse«, beschreibt Großpietsch die strukturellen Vorteile. Mittlerweile stehen nach Auskunft von Großpietsch die Realschüler Schlange, um in die integrierte Haupt- und Realschule zu gelangen. Die Heinrich von Stephan-Schule macht es sich aber weiter »schwierig« und nimmt eisern pro Klasse die gleiche Anzahl Haupt- und Realschüler auf. Die letzten Jahre haben ohnehin gezeigt: Die Empfehlungen, die früh die Weichen für eine »Bildungskarriere« stellen, sind nur eingeschränkt gültig.

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