ND im Club: Fühmann
Bei jeder Lesung, lächelt Gunnar Decker, stehe jemand auf und merke an, etwas im Buch zu vermissen. Themen, Fußnoten, Register, Wissenschaftlichkeit gar.
Das Lächeln ist nicht Arroganz, sondern Bekenntnis zur Konsequenz. Die Biografie »Franz Fühmann. Die Kunst des Scheiterns« ( Hinstorff Verlag Rostock) ist erzählende Collage, ist Essay im besten Sinne. Am Mittwoch stellte der Autor das Buch im Gespräch mit Thomas Flierl vor. Ein Abend bei »ND im Club«, gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung; sie unterstützte die Produktion des Buches.
Also: Auch diesmal die Anmerkung aus dem Saal, etwas fehle. Decker sprach vorher darüber, dass Schreiben eine Entdeckung sein müsse, es gehe nicht um die schriftliche Ausbreitung von Wissen, »Vollendung ist trügerisch, die Fragen, die ein Text aufreißt, sind mir wichtiger als die Antworten«.
Fühmann (Fotos: aus dem Buch): der Projektionskraftkerl für alles, was Menschen ins Unglücksglück treibt, wenn sie von einem Talent geschlagen sind, dann noch mit einem Maßstab, dann noch mit einem Charakter. Fühmann, der »Dichter der Krise«, die hieb sich als Beil zwischen »Ich« und die Welt, die ihm erst braun, dann rot wurde, bis er nur noch schwarz sah. An Idealen gescheitert, am Bergwerk als Idee und Abenteuer, an Barlach als Stoff. Ein Mensch, sagt Flierl, »der im Irrtum zu sich selbst kam; eine Art, den Epochenbruch zu leben«. Ja, sagt Decker, das sage sich gut – hinterher, wenn das Leben dabei draufging, in fressendem Schmerz gegen die Inquisiteure und auch gegen den Feind, der man sich selber ist.
Decker liest aus einer lyrischen, editorischen Rarität, einem Heftchen von 1942, erschienen bei Ellermann, Hamburg, einer Insel für »innere Emigration« (Decker): Gedichte von Fühmann, der sein Lyriker-Debüt bei einem anderen Herausgeber, Goebbels, gefeiert hatte. »Still lag die Flut, die Götter haben geschwiegen.« Im elegischen Ton ein Ahnen späterer Entmystifizierung alles Heldischen, pathetisch Überschießenden. Decker, Flierl: Keine Sieghaftigkeit, das war das Große an Fühmann.
Biografie: So ist es, sagen Fakten. Interessanter aber: Wie kam es, wie nun kommt es – auf uns, auf dich, Leser? Schwierigste Aufgabe ästhetischer Formung! Gefordert ist eine Lebensgeschichtsschreibung – Decker zeigt es bravourös, indem er »radikal subjektiv« bleibt – mit einem gehörigen Maß literarischer Eingebung, mit Sinn also für unmerklich sich entfaltende, zum Konflikt treibende Gegensätze, für Steigerungen. Und Sinn ist vonnöten für Verzögerungen, da die Dinge den Atem anzuhalten scheinen, ehe sie doch aufeinanderprallen. Erforderlich am Ende: Sinn für umsichtig gesetzte, das Denken anstoßende Schlüsse. Geschichte ohne Sinn für Literatur tendiert zum Totsein ihres Gegenstandes. Scheitern, das ist in diesem Sinne ein Autor-Auftrag: Alles kann im nächsten Buch noch weitergetrieben werden. Decker lächelt, neuen Abgründen entgegen.
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