Ohne Therapie geht nichts
Krankenkassen verzeichnen mehr Ausgaben für Heil- und Hilfsmittel
Was für die einen ein Geschäft ist, bereitet den anderen Kopfzerbrechen. Immer gefragter sind Krankengymnastik, Sprachtherapien Rollatoren, Atemüberwachungsgeräte, Knieschienen, Bandagen, Einlagen. Der Heil- und Hilfsmittelmarkt ist ein Wachstumssektor. Bezahlt wird das von den Krankenkassen, die weniger erfreut darüber sind. Im Heil- und Hilfsmittel-Report der GEK wurde dieser Sektor zum sechsten Mal vom Zentrum für Sozialpädagogik der Universität Bremen untersucht. Für Heilmittel wurden 91,5 Millionen Euro ausgegeben, was einem Anstieg von 3,5 Prozent gegenüber 2007 entspricht. Bei den Hilfsmittelkosten von 90,7 Millionen Euro lag der Anstieg bei 4,8 Prozent.
Nach Krankenhäusern, Arzneien und Ärzten sind Heil- und Hilfsmittel der viertgrößte Kostenblock im Gesundheitsbereich, werden aber wenig auf ihre Wirksamkeit untersucht. Dafür machen die Experten klein- und mittelständische Anbieterstrukturen, kollektivvertragliche Rahmenbedingungen im Heilmittelbereich und ein unübersichtliches Hilfsmittelverzeichnis verantwortlich. Dass Heil- und Hilfsmittel immer gefragter sind, liegen vor allem an der älter werdenden Gesellschaft, deren Bedürfnisse nach Heilmitteln wie Logopädie oder Physiotherapie, aber auch nach Hilfsmitteln wie Hörgeräten, Treppenliften, Rollstühlen steigen.
Die Hilfsmittelleistungen nahmen bei Männern um 8,6 Prozent zu, bei Frauen um 11,61 Prozent. Dieser Unterschied wird auf die längere Lebenserwartung bei Frauen zurückgeführt. Die Ausgaben für Heilmittel steigerten sich am meisten im Bereich der Podologie, einer medizinisch indizierten Fußbehandlung. Sie kann dazu beitragen, dass bei Menschen mit Diabetes Spätschäden an Füßen bis hin zu Amputationen vermieden werden können.
Patienten im Alter zwischen 50 und 60 Jahren bekommen im Durchschnitt 22,1 Prozent Heilmittel verordnet, 70- bis 80-Jährige schon 25,4 Prozent. Bei den Hilfsmitteln sind die Unterschiede noch auffälliger. Aber auch Kinder und Jugendliche bekommen immer häufiger Heil- und Hilfsmittel verordnet. 13,5 Prozent aller GEK-Versicherten, die Heilmittel beanspruchen, sind jünger als zehn.
»Es scheint, als kämen Ärzte und Leistungserbringer immer schneller ins Spiel, wenn Eltern, Kindergärten und Schulen überfordert sind«, resümiert Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, Vorstandsvorsitzender der GEK. Man müsse »genauer hinschauen und vermeiden, dass wir zur Therapiegesellschaft werden«, so Schlenker.
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