Schöne Schriftzeichen in XXL
Zwei Berlinerinnen retten historische Leuchtreklamen und eröffnen ein Buchstabenmuseum
Schriften im XXL-Format erhalten ein zweites Leben: Im Buchstabenmuseum werden derzeit etwa 400 einzelne Buchstaben präsentiert. Anja Schulze und Barbara Dechant – die beiden Museumsgründerinnen – zeigen seit kurzem im Berlin-Carré einen umfangreichen Fundus.
In ihrem ersten Leben dienten die Schriftzüge einzig und allein der Information: Sie hingen an Fassaden, kündigten an Häuserwänden oder auf Dächern verschiedene Läden, Gaststätten oder Institutionen an. An vielen ist man wahrscheinlich auch achtlos vorbeigelaufen.
Wenn der Museumsmitarbeiterin Anja Schulze und der Grafikerin Barbara Dechant nicht eines Tages die Idee für dieses Buchstabenmuseum gekommen wäre, würden die meisten jetzt ausgestellten Riesenbuchstaben irgendwo begraben sein – weil sie durch Gebäudeabriss oder Ladenaufgabe aus dem Straßenbild verschwinden mussten.
Doch die beiden jungen Frauen haben sie gerettet. Vor fünf Jahren gründeten sie einen Verein der inzwischen mehr als 50 Mitglieder zählt: Architekten, Designer, Beamte, Künstler, Lehrer und viele andere Berufsgruppen verfolgen seitdem ein gemeinsames Ziel: »Wir wollen mit dem Museum Buchstaben bewahren und dokumentieren sowie die Entwicklung von Schriften und Zeichensystemen darstellen«, erklärt Barbara Dechant.
In den Räumen im Berlin-Carré ist es nun möglich, die wahre typografische Schönheit in liebevollen Details zu erkennen. Die mächtigen Metallbuchstaben wirken wie runzlige Gesichter: lebendig und voller Geschichten. »Es sind handwerkliche Schätze, die wir zeigen«, sagt Barbara Dechant. Der »Lederwaren«-Schriftzug stammt beispielsweise aus dem Jahre 1947 und zierte einst ein Geschäft in der Straße Unter den Eichen in Berlin. Vergleichsweise klein, denn nur 43 Zentimeter hoch, ist der braune Metallkorpus. Fast majestätisch erhebt sich gegenüber ein schwarz glänzender Koloss: 2,40 Meter hoch bildet das alte Logo der Deutschen Telephonwerke DeTeWe den bislang größten Schatz im Museum. »Am schwersten wiegt mit 150 Kilogramm ›Ebbinghaus‹«, berichtet die Grafikerin.
Zu ihren schönsten und spannendsten Exemplaren gehört der geschwungene Schriftzug »Schuhe« aus Tegel. »Solche Schreibschriften findet man heute überhaupt nicht mehr«, sagt die Museumschefin.
Auch die Besucher sind begeistert. Seit vor wenigen Wochen das Museum seinen Standort nahe dem Dom bezog, schauen auch viele Touristen vorbei. Sie lassen sich von den Gründer-Frauen erklären, dass das grüne »HAUP« vom Ostbahnhof stammt, der früher einmal Hauptbahnhof hieß. Zu den Großkalibern gehören der »BEWAG«-Schriftzug, das »M« der einstigen Markthalle und das tiefblaue Wertheim »W«. Dass zwischen den spitzen Kanten noch immer vertrocknete Gräser vom Ku´damm stecken, ist Absicht. »Wir wollen nichts schönen, sondern die Ausstellungsstücke so konservieren und zeigen, wie wir sie bekommen«, betont Barbara Dechant: Mit Rissen, Rost und Spinnweben.
Und wie wird die Sammlung erweitert? »Indem wir mit offenen Augen durch die Stadt gehen, Tipps erhalten und danach Hauseigentümer oder Investoren positiv auf unsere Anfragen reagieren«, sagt Anja Schulze. Gern würden sie unter anderem auch ein Mitropa »M«, den »Aeroflot«-Schriftzug und ein echtes Konsum »K« in ihre Ausstellung aufnehmen.
Die Räume im Berlin-Carré stehen zunächst für ein halbes Jahr zur Verfügung. Nachdem es bislang lediglich ein Schaudepot an der Leipziger Straße gab, sei jetzt viel mehr Platz, sagt Dechant. Aber die Suche nach einem dauerhaften Standort geht weiter. Schon jetzt wird allerdings eine Schauwerkstatt eingerichtet.
Berlin-Carré, Karl-Liebknecht- Straße 13, Mitte. www.buchstabenmuseum.de.
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