Kino Lichtblick

Ein Film über Ströbeles Tisch

  • Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit einem Streifen von Lars Barthel geht der Berufsverband der Dokumentarfilmer in den neunten Monat seines Dienstagabends im Lichtblick. »Mein Tod ist nicht dein Tod« ist ein sehr persönlicher Film des Absolventen der Babelsberger Filmhochschule – ein Film über eine Beziehung, die beim Studium an der Filmhochschule begann und mit einem frühen Tod endete, ein Film über eine Liebe, die für einen der beiden Lebensinhalt wurde und für den anderen zur Fessel, ein Film über Ungesagtes, Unverarbeitetes und das Gefühl hilfloser Ohnmacht, das lange im Inneren schwärt.

Chetna Vora war Kommilitonin, Freundin, Ehefrau des Regisseurs, die Mutter seiner Tochter Neelesha (heute selbst Filmschaffende mit Babelsberger Ausbildung), Muse und Modell früher Kameraübungen. Mit ihrer ersten Begegnung, sagt Lars Barthel, ging für ihn die DDR unter – im Dezember 1975. Was vorher grau war, wurde sonnenhell, die schulischen Übungsfilme der beiden meist trotzdem verboten.

Jahre nach ihrem Tod machte Barthel sich auf nach Indien, um Chetnas Asche zu verstreuen. »Mein Tod ist nicht dein Tod« ist das Protokoll einer erneuten Konfrontation mit einem Verlust, von dem man sich schwer erholt, eine Nabelschau mit historischem und emotionalem Mehrwert.

Auch der Film des Monats Mai gewährt Einblicke in persönliche Beziehungen, diesmal gleich in die einer ganzen Gruppe. Dem Anthropologen Klaus Stanjek gelang es, für »Kommune der Seligen« (2004) Aufnahme in eine Gemeinde der nach urchristlich-fundamentalen Prinzipien lebenden Hutterer in der kanadischen Provinz zu finden. Die Hutterer verwenden Melkmaschinen, Mähdrescher und Traktoren, aus denen die serienmäßigen Radiogeräte gleich bei Lieferung ausgebaut werden. Sie sprechen die deutschen Dialekte der Alpenregion, aus der sie vor Jahrhunderten flüchteten. In die Rede mischen sich mehr und mehr englische Brocken. Sie teilen Hab und Gut, tragen Hosenträger und Häubchen, und aus ihren Schulen sind Evolutionslehre, Sexualkunde und Musikunterricht verbannt.

Im Juni wirft die Berliner Studentenschaft noch einmal mit Steinen, wenn AG Dok-Vorstandsmitglied Dirk Szuszies zwei Filme von Barbara Kasper und Lothar Schuster vorstellt: »Schlacht am Tegeler Weg« (1988), eine 45-minutige Fernsehreportage über Verlauf und historische Bedeutung der Demonstration vom 4. November 1968 vor dem Landgericht Charlottenburg, in dem sich der damals noch linke Anwalt Horst Mahler einem Ehrengerichtsverfahren stellte, dass zum Verlust seiner Zulassung hätte führen können.

Außerdem gibt es »5,5m x 1,5m« von 1997. Namensgeber ist der Konferenztisch, den Christian Ströbele für das Sozialistische Anwaltskollektiv beim Trödler erwarb, dann ans Sozialistische Zentrum in Moabit weitergab, wo er im Versammlungsraum der Roten Hilfe stand und eine tragende Rolle spielte bei der Gründungsveranstaltung des Frauenzentrums. Später landete der Tisch als Mittagstisch in der Kantine der taz, von wo ihn Häuserbesetzer nach Friedrichshain brachten.

Lichtblick-Kino, Kastanienallee 77, jeden vierten Dienstag im Monat (26.4., 24.5., 28.6.) jeweils 18 Uhr und in Anwesenheit des Regisseurs. Info-Tel.: 44 05 81 79 oder www.lichtblick-kino.org

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