Vereinzelung im Äther
Freie Berliner Sender konnten sich nicht auf Community-Radio einigen
Zur Katastrophe von Tschernobyl war seit Fukushima viel in den Massenmedien zu finden, diese Woche auf Grund des Jahrestages noch einmal verstärkt. Auch im Berliner Lokalradio gab es dazu einiges zu hören – es fragte sich nur, wo.
Bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern jedenfalls hätte man da mehr erwarten können. Und so mag es scheinen, als sei der beste Beitrag des Tages zu den verheerenden Konsequenzen radioaktiver Stromerzeugung ausgerechnet vom vielleicht am schlechtesten zu empfangenden Sender der Stadt gekommen. Auf dem Mischkanal 88vier gab es am Dienstag ab 20 Uhr einen ganzen Themenabend zu Tschernobyl.
Leider handelte es sich bei einigen der dort gesendeten Beiträge um Sendungsübernahmen anderer Freier Gruppen, und die laufen nicht zur besten Sendezeit. Dass es solch wichtige Inhalte nur zu nachtschlafender Zeit gibt, zeigt einmal mehr, wie ungünstig die Sendezeit auf der »offenen« Frequenz 88vier verteilt ist.
Journalistischer Höhepunkt des Abends war vielleicht die zweistündige Sendung über den in Österreich erscheinenden Dokumentarfilm »Radioaktive Wölfe« von Klaus Feichtenberger, bei der auch der Aufnahmeleiter und Übersetzer des Filmteams im Studio war.
Zu verdanken ist solch ein engagiertes Programm dem 88vier-Sendepartner Piradio. Unter diesem Dach sind viele Gruppen organisiert, so dass manchmal solch vielfältige Themenabende zustande kommen.
Nicht zustande kommt hingegen der von Piradio vor zwei Monaten erbetene allabendliche »Community-Radio-Bereich«, wo die Sendezeit von mehreren 88vier-Sendepartnern gemeinsam verwaltet würde. Zwar war die Medienanstalt Berlin Brandenburg (mabb) offen für dieses Mehr an Selbstverwaltung. Doch die drei Sendepartner, die das hätten bewerkstelligen müssen (Piradio, Twen.Fm und Reboot.Fm), konnten sich bei zwei von ihm moderierten Treffen auf Grund von verschiedenen Radio-»Ideologien« nicht einigen, erklärt Steffen Meyer, der bei der mabb die Frequenz 88vier betreut.
So bleibt nach der Sitzung des Medienrats am Donnerstag, bei der für ein weiteres Jahr 88vier-Sendelizenzen vergeben wurden, im Wesentlichen alles beim Alten. Da mit Bln.Fm ein bisheriger 88vier-Sendepartner auf Grund seines ungenügenden Antrages rausfliegt und einige Piradio-Gruppen auf eigene Faust Anträge stellten, wird es wohl zu einer kleinen Verschiebung des Senderprofils zu Gunsten des breiteren Ansatzes eines Freien Radios kommen, für den Piradio steht (Twen.Fm und Reboot.Fm seien eher an »Künstlerradios« orientiert, sagt Meyer). Den genauen Sendeplan wird die mabb erst am Montag veröffentlichen.
Mabb-Vize Susanne Grams teilte übrigens mit, dass die oft beklagte schlechte Empfangbarkeit der 88vier-Sender auf der Medienratssitzung kein Thema war.
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