Vietnam fördert »inklusive Entwicklung«
Mit einem zweigleisigen Ansatz werden Menschen mit Behinderung unterstützt
An Appellen fehlt es nicht, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Probleme von Menschen mit Behinderung zu schärfen. Und dabei wurde es nicht belassen. Vor fünf Jahren wurde die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung verabschiedet. 80 Prozent der 690 Millionen Betroffenen leben in Entwicklungsländern. Sie gehören zu den Ärmsten der Armen. Die Konvention verpflichtet die Vertragsstaaten, alle Barrieren für die Verwirklichung der Menschenrechte der benachteiligten »größten Minderheit« der Welt zu beseitigen und deren Belange auch in der Entwicklungszusammenarbeit und in der humanitären Hilfe zu beachten. Ob diese Forderung in der Praxis umgesetzt wird, hängt wesentlich vom Engagement der Zivilgesellschaft ab. Nichtregierungsorganisationen setzen sich deshalb verstärkt für eine »inklusive Entwicklungszusammenarbeit« ein. Sie soll helfen, den Teufelskreis aus Armut und Behinderung zu durchbrechen.
Mit Hilfe und Selbsthilfe raus aus dem Teufelskreis
Für Vietnam ist dies von besonderer Brisanz. Die regierungsoffizielle Statistik zählt hier weit über fünf Millionen Menschen mit Behinderung - nicht zuletzt eine Folge jahrzehntelanger Kriege. Fast 33 Prozent der Familien mit behinderten Angehörigen leben, vor allem in den ländlichen Gebieten, unter der Armutsgrenze.
In Vietnam kommt bei der Förderung der »inklusiven Entwicklung« wie in anderen Ländern ein zweigleisiger Ansatz zum Tragen: Zum einen finden Belange von Menschen mit Behinderung Sektor übergreifend in Projekten und Programmen Berücksichtigung. Zum anderen werden mit den Partnern vor Ort speziell auf diese Zielgruppe ausgerichtete Maßnahmen realisiert. Die Erfahrungen des Solidaritätsdienst-international e.V. (SODI) in Vietnam bestätigen, dass diese Zweigleisigkeit Sinn macht. Ein Beispiel dafür ist das von der Bundesregierung unterstützte integrierte Programm zur humanitären Kampfmittelräumung und Entwicklung in Zentralvietnam. Hier wurde die Beachtung der baulichen Barrierefreiheit in Kinder- und medizinischen Einrichtungen, die im Anschluss an die Beseitigung von Minen und Blindgängern entstehen, mittlerweile selbstverständlich.
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Auch die Zusammenarbeit von SODI mit der Frauenunion (FU) in Nghe An, einer der ärmsten Provinzen Vietnams, hat zu bemerkenswerten Ergebnissen geführt. Kürzlich evaluierte SODI-Projektmanagerin Susanne Wienke dort ein von der Stiftung Nord-Süd-Brücken gefördertes Pilotprojekt. Erstmals wurde am Trainingszentrum der FU in Vinh ein Schneiderkurs durchgeführt, an dem 20 nichtbehinderte und behinderte Frauen gemeinsam teilnahmen. Wienke erfuhr, dass dieser Versuch für alle Beteiligten zunächst nicht einfach war.
Zum Beispiel für die 30-jährige Dinh Thi Thuan und ihre Schwester. Beide Frauen sind Agent- Orange-Opfer der dritten Generation, ihr Großvater war als Soldat mit dem Entlaubungsgift in Berührung gekommen. Sie wurden von der FU ermutigt, trotz ihrer körperlichen Beeinträchtigung, das Schneidern zu erlernen und sich damit Einkommensquellen zu erschließen. Nach einem schweren Unfall des Vaters war dies für die Familie der beiden bitter nötig geworden. Also nahmen sie all ihren Mut zusammen.
Auch Ausbilderin Nguyen Thi Xuan stand vor neuen Herausforderungen. Sie musste beispielsweise lernen, sich auf das unterschiedliche Lerntempo der Kursteilnehmerinnen einzustellen. Die Teilnehmerinnen mit Behinderungen hatten mehrheitlich nur die Grundschule besucht, so dass Schwierigkeiten beim Erfassen des Designs und beim Abmessen nicht ausblieben. »Am Anfang waren sie sehr schüchtern und haben nicht so recht an ihre eigenen Fähigkeiten geglaubt«, erzählte Nguyen Thi Xuan. Sie beobachtete, dass die behinderten Frauen leicht verletzlich und unsicher waren. Schließlich befanden sich ja zum ersten Mal allein außerhalb ihres Dorfes! Es brauchte Zeit, ehe alle Kursteilnehmerinnen unbefangen miteinander umgehen konnten. Schließlich aber halfen nichtbehinderte Frauen ihren Mitschülerinnen ganz selbstverständlich. Sie und Teilnehmerinnen anderer Kurse entwickelten Respekt und Bewunderung für das, was die Frauen mit zum Teil schwierigen körperlichen Einschränkungen leisten.
Das Pilotprojekt steht für Erfolg
Für SODI und die FU in Nghe An ist das Pilotprojekt Ergebnis eines gemeinsamen Lernprozesses. Ein Programm zur Rehabilitation von über 400 Menschen mit Behinderung, das SODI und das Orthopädische Zentrum Vinh in den letzten Jahren realisierten, hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Multiplikatorinnen der FU trugen damals entscheidend dazu bei, dass Familien selbst in entfernten Bergdörfern lernten, einfache Methoden zur Stärkung des Selbsthilfepotenzials ihrer behinderten Angehörigen anzuwenden. Diese wurden nicht länger nur als Objekte von Fürsorge betrachtet, sondern als Menschen mit individuellen Bedürfnissen, Potenzen und Wünschen. Für die FU und SODI war es nur folgerichtig, dass sie begannen, Barrieren für den Zugang von Menschen mit Behinderungen zu beruflicher Qualifizierung - einem traditionellen Feld ihrer Zusammenarbeit - zu beseitigen. Und es gibt weiterführende Ideen: In einem neuen Vorhaben, das berufliche Ausbildung, Aufklärung über Arbeits- und Frauenrechte und Einkommensförderung verbindet, sollen auch Frauen mit Behinderungen integriert werden. Der Erfolg des Pilotprojekts stimmt für die Zukunft optimistisch.
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