Bewegende Momentaufnahmen

Die Staatliche Ballettschule zeigt Tanzskizzen von Fritz Husmann

  • Kilian Klenze
  • Lesedauer: 3 Min.
»Der Balancierende« in der Staatlichen Ballettschule
»Der Balancierende« in der Staatlichen Ballettschule

Bewegt war Fritz Husmanns Berufsleben. Angefangen hat es für den 1896 in Bremen Geborenen auf Umwegen. Einer Ausbildung als Dekorationsmaler folgte die Teilnahme am ersten Weltkrieg. Nach der Heimkehr 1919 besuchte er die Altonaer Kunstschule. Das brachte ihn langsam auf die Bahn, die seine Bestimmung werden sollte. Neue Schulen, Siedlungen, Kapellen, Krankenhäuser malt er in farbiger Raumgestaltung aus.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg zog es ihn nochmals in dieses Metier zurück, als er Wandmalereien, Wandkeramik, Darstellungen in Email und Eisen sowie Holzskulpturen für Kirchen und Schulen schuf. Zwischen beiden Kriegen jedoch begann sich der »echte« Husmann zu entfalten. Als wegen der Weltwirtschaftskrise die Aufträge ausblieben, wandte er sich der künstlerischen Pressezeichnung zu. Sie wurde, neben engagiert realistischen Grafik-Zyklen, zu einer seiner wichtigen Ausdrucksformen. Husmanns große Liebe gehörte dem Theater und vor allem dem Tanz. So hielt er die Hamburger Gastspiele der Barden des deutschen Ausdruckstanzes im Bild fest. Bei seinem Tod 1982 hinterließ er ein reiches Œuvre.

Eine Schenkung der Familie aus dem Nachlass bot Grund für die jüngste Schau: Ergänzt durch Leihgaben, zeigt sie Blätter, die sich nun im Besitz der Palucca Hochschule für Tanz befinden. Im imposanten Neubau der Staatlichen Ballettschule Berlin kann die Exposition derzeit besichtigt werden. »Bewegte Momente« umfasst 14 grafische Arbeiten und eine Kleinbronze. Sie empfängt den Besucher: »Der Balancierende«, wie er fast vorsichtig einen Fuß vorsetzt, Mütze, Bolero und weite Hose trägt, zeigt Harald Kreutzberg, einen der wenigen männlichen Ausdruckstänzer und ihren künstlerischen Doyen. Matt, fast grob ist das Material belassen und fängt doch treffend den Charakter des Tanzes ein.

Sparsam, aber prägnant im Strich gestaltet Husmann auch seine Tanzskizzen, »Tanzstenogramme« genannt. Zwischen 1935 und 1956 datieren sie in der Schau. Da zeigen zwei Tuschen auf braunem Papier Karl Bergeest als »Trunkenen Bacchus«, halten zwei ähnlich kleine Tuschen Mary Wigmans Kunst fest: mit nur wenigen zeichnerischen Mitteln im beredten Schwung des Körpers. Dreimal taucht Yvonne Georgi auf: blattfüllend im Sprung, als helle Gestalt mit schwarzgetupftem Langkleid und ausgreifender Bewegung auf schwarzem Fond; ebenfalls als Tusche und schwarzpapiergerahmt im »Beschwingten Tanz«; spiegelverkehrt als Lithografie dann fast das selbe Motiv.

Das Spezielle in Kreutzbergs Vortrag fixieren zwei grafische Eindrücke. Radierung und lithografisch veränderte Radierung zeigen ihn von halb rück, wirken wie zeichnerische Vorstudien zur Plastik. Auf hellem Fond die eine, auf geteiltem Grund die andere, was seinem Tanz Schwere verleiht. Ebenfalls dreimal ist mit Darstellungen Palucca vertreten. Zwei Tuschen suchen der Verschiedenheit ihres Tanzes Form zu geben: im leichten Schwung mit erhobenem Bein die eine, im lastend erdverbundenen Ausfall die andere. Eine Radierung mit kämpferisch in die Höhe ragendem Körper, die Arme konträr, wirkt klar, gespannt, selbstbewusst, arbeitet mit Hell-Dunkel-Kontrast und dünner Schraffur. Das Tusch-Porträt Palucca, eine Ecke des Papiers abgeschnitten, hält das markante Profil mit vorspringender Nase und glatt fallendem Haar fest. Auch sich selbst porträtiert Husmann in Tusche. Weiß schält sich sein Gesicht aus schwarzem Grund, mit hohlen Wangen in jenem Entstehungsjahr 1943 und Augen unter schweren Lidern, gefurcht und herb. Das berührendste Exponat.

Bis 21.12., Mo-Fr 10-17 Uhr, Staatliche Ballettschule, Erich-Weinert-Str. 103, Prenzlauer Berg.

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