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Schirme für Behinderte

Auch mit einem großen Protest am 27. April sollen Barrieren überwunden werden

  • Lesedauer: 3 Min.
André Nowak ist stellvertretender Vorsitzender des Berliner Behindertenverbandes.
André Nowak ist stellvertretender Vorsitzender des Berliner Behindertenverbandes.

nd: Schirme für Banken sind politisch sehr in Mode. Was hätten Menschen mit Behinderungen gerne für einen?
Nowak: Einen, unter den auch sie passen. Sie wollen nicht, dass Geld für Banken ausgegeben wird, während Menschen mit und ohne Behinderungen im Regen stehen.

Deshalb rufen der Berliner Behindertenverband und andere für den 27. April zur Demonstration vor das Bundeskanzleramt auf?
Den Europäischen Protesttag für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen gibt es seit 1992. Wir haben also ein Jubiläum. In Berlin ist der Auftakt, Hunderte Protestveranstaltungen überall in Deutschland und Europa rund um den 5. Mai werden folgen.

Sie wollen Barrieren überwinden. Welche meinen Sie?
Es geht um die Barrieren in den Köpfen, aber auch um bauliche und kommunikative Barrieren. Vor allem brauchen wir Veränderungen im Bewusstsein. Das Wissen voneinander ist wichtig für solidarisches Handeln.

Bis April ist doch noch Zeit?
Aus der gesamten Bundesrepublik sollen und wollen Menschen mit (und ohne) Behinderungen, ihre Vereine und Institutionen nach Berlin reisen. Dies erfordert gerade wegen der Barrieren beim Reisen und bei der Unterkunftsuche zeitlichen Vorlauf.

Es wird geklagt, dass gerade bei denen gespart wird, die die Hilfe am nötigsten hätten.
Es ist in Deutschland immer noch möglich, junge Menschen mit Behinderungen in ein Heim einzuweisen, weil das billiger für die Kommune ist als das Leben in der eigenen Wohnung mit entsprechender Assistenz. Jungen Erwachsenen mit Behinderungen, die im Hause der Eltern wohnen, wurde 2011 das Hartz-IV-Geld um 20 Prozent gekürzt. Es gibt keine Konjunkturprogramme zur Beseitigung baulicher Barrieren an Bahnhöfen, obwohl 60 Prozent noch nicht barrierefrei sind. Es gibt seit 2011 einen Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention - der kaum zu wirklichen Veränderungen führt, da es nichts kosten darf.

Welche Lösungen wären vordringlich?
Die Schaffung von mehr barrierefreien Wohnungen zum Beispiel. Das stark nachgefragte Mini-Programm zum »altersgerechten Umbau« der Kreditanstalt für Wiederaufbau hat die Bundesregierung nach nur zwei Jahren abgeschafft, statt es auszuweiten. Über 80 Prozent der Kinder mit Behinderungen gehen noch in Sonderschulen. Wir wollen, dass alle Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam zur Schule gehen dürfen. Menschen mit Behinderungen sollen auch das gleiche Recht auf eine vernünftige Arbeit haben, von der man leben kann. Sie dürfen nicht in Werkstätten abgeschoben werden, wo sie nur ein Taschengeld bekommen.

Es sind nicht nur Behinderte aufgerufen zum Protest?
Ich hoffe, dass sehr viele Menschen mit und ohne Behinderungen und ihre Organisationen kommen. Auch die Gewerkschaften. Schließlich sind auch viele Angehörige und Freunde direkt oder indirekt betroffen. Natürlich stehen an diesem Tag die Belange von Menschen mit Behinderungen im Mittelpunkt. Es geht nicht um eine Wohltätigkeitsveranstaltung, sondern um Selbstbestimmung und Teilhabe.

Jeder bringt seinen Schirm selbst mit?
Seinen Schirm oder sein Plakat. Wir haben auch Schirme vor Ort, die man vor der Demonstration selbst gestalten und bemalen kann. Über die weitere Vorbereitung werden wir auch über die Internetseite www.bbv-ev.de informieren.

Fragen: Klaus J. Herrmann

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