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Präsident in wilder Ehe?

Familienforscher Huinink über die Einstellung der Deutschen / Johannes Huinink ist Professor an der Universität Bremen. Er forscht zu Familiensoziologie und räumlicher Mobilität

  • Lesedauer: 3 Min.
Fragwürdig – Präsident in wilder Ehe?

nd: Der CSU-Familienpolitiker Geis hat Joachim Gauck als künftigem Bundespräsidenten geraten, seine persönlichen Verhältnisse schnell zu ordnen und seine langjährige Partnerin zu ehelichen. Erwarten Sie von einem Staatsoberhaupt einen Trauschein?
Huinink: Nein, das tue ich nicht.

Die absolute Mehrheit der Paare in Deutschland ist verheiratet. Spricht denen der CSU-Politiker aus dem Herzen?
In konservativen, eher katholisch geprägten Milieus wird es Leute geben, die Anstoß an den angeblich »ungeordneten« Lebensverhältnissen von Herrn Gauck nehmen. Auf wirkliche Ablehnung trifft eine »wilde Ehe« aber höchstens noch in einer radikalen Minderheit. 2006 wurde europaweit untersucht, ob Menschen nicht-eheliche Partnerschaften missbilligen, egal sind oder ob sie sie befürworten. In Deutschland hat die überwältigende Mehrheit vertreten: jeder so, wie er möchte.

Einen verheirateten Bundespräsidenten Gauck fände also fast niemand hierzulande besser?
Nicht ganz. Würde man Bürgerinnen und Bürger direkt danach fragen, gäbe es kein einheitliches Bild. In Westdeutschland würde ein größerer Teil finden: Der soll mal heiraten. In Ostdeutschland ist das kein Thema mehr.

Woran machen Sie das fest?
An dem Anteil der nicht-ehelichen Geburten kann man zum Beispiel Einiges ablesen. Im Osten liegt diese Quote bei 60 Prozent. Hier ist es also ganz normal, ohne Trauschein eine Familie zu gründen. Im Westen gibt es nur 27 Prozent nicht-eheliche Geburten. Diesen Unterschied gab es schon zu DDR-Zeiten. Er hat sich nach der Wende aber noch drastisch vergrößert.

Sind Westdeutsche konservativer?
Ihr Familienbild ist traditioneller. Es gibt im Westen aber auch noch »bessere« Gründe für eine Heirat. Ehe als soziale Sicherung spielt hier noch eine größere Rolle. Im Osten sind Frauen überwiegend vollzeiterwerbstätig. Da leuchtet es ihnen weniger ein, warum sie eine zusätzliche Bindung über die Ehe eingehen sollten. Aber auch wenn im Westen mehr geheiratet wird, heißt es nicht, dass man das von anderen unbedingt erwartet. Nicht-eheliche Verbindungen sind voll akzeptiert. Man sollte einzelne Stimmen in Bezug auf Gauck auch nicht überbewerten.

Die jüngere Generation scheint wieder mehr Lust auf Heiraten zu haben. Können Sie das bestätigen?
Nein. Ich halte ein nachhaltiges Revival der Ehe für sehr unwahrscheinlich. Alte Werte, das Bedürfnis nach Regeln und Sicherheit, haben vielleicht vorübergehend wieder Konjunktur. Die Ehe als Institution des Lebenslaufs wird jedoch in Zukunft weiter an Bedeutung verlieren. Es gibt kein bestimmtes Heiratsalter mehr, die Entscheidung zur Ehe verteilt sich über eine größere Altersspanne. Paarbeziehungen bleiben gleichzeitig so wichtig wie immer.

Gauck wäre also gut beraten, dem Trend zur »wilden Ehe« treu zu bleiben?
Das soll er machen, wie er will. Es gibt keine Staatsräson mehr, die hier etwas vorschreibt. Jedenfalls sollte man nicht vermuten, dass solche Beziehungen durch eine Heirat stabiler werden.

Fragen: Ines Wallrodt

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