Neues Massaker in Syrien
Trotz unklarer Faktenlage wird die Schuldfrage als geklärt behandelt
Anderthalb Wochen nach dem Massaker von Hula ermordeten syrische Regierungstruppen Dutzende Einwohner der Nachbardörfer Al-Kubeir und Maasaraf nahe der Großstadt Hama, darunter Frauen und Kinder. So jedenfalls sagte es gestern Rami Abdel Rahman von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Diese sitzt weit weg in London, meldet dennoch Ereignisse aus dem syrischen Bürgerkrieg häufig als erste, weil sie von den Regierungsgegnern direkt informiert wird und weil sich Syriens offiziöse Medien nach wie vor schwer tun mit einem zeitgemäßen Verständnis von politischem Journalismus. Die Dementis aus Damaskus erscheinen korrekt. Die Regierung lässt aber jenen entschiedenen Aufklärungswillen vermissen, der in der jetzigen Lage angebracht und zu erwarten wäre. Das macht es der medialen Öffentlichkeit hierzulande sehr leicht, die Meinung der anderen Seite, in diesem Falle die des offiziellen Syrien, unter den Tisch fallen zu lassen.
Die Beobachtungsstelle dagegen ist mit allen großen internationalen Agenturen vernetzt, was für eine zügige Verbreitung ihrer Statements sorgt - allerdings macht dies wohl auch anfällig, die Interessen- hin und wieder zu deutlich über die Faktenlage triumphieren zu lassen. Die Berater von CNN und Al-Dschasira haben offensichtlich ihre (erfolg)reichen irakischen oder libyschen Erfahrungen eingebracht.
Die Glaubwürdigkeit der Beobachtungsstelle hat das nicht erhöht. Sie ersetzt das aber durch einen Zuwachs an Lautstärke und Schlichtheit der Botschaft. Die Schuldzuweisung an Syriens Präsidenten Baschar al-Assad erfolgt, ohne dass auch nur dem geringsten Zweifel Raum gelassen wird. In den Berichten wird nicht nach dem Wie und Warum gefragt. Es gibt nur Mörder und Unschuldige; das alles, bevor die UN-Beobachter am Ort des Verbrechens waren.
Unterdessen sollen Letztere bei ihrer Untersuchung des neuen Massakers unter Beschuss geraten sein. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte am Donnerstag vor der Vollversammlung in New York, die Beobachter seien auf dem Weg zu den Nachbardörfern Al-Kubeir und Maasaraf angegriffen worden.
Der britische Premierminister David Cameron forderte, Assad müsse nun die Macht an eine Regierung abgeben, »die sich um ihr Volk kümmern kann«. US-Außenministerin Hillary Clinton ist das nicht genug. Sie verlangt: »Assad muss seine Macht abgeben und Syrien verlassen.«
Das syrische Fernsehen erklärte, das Verbrechen sei bewusst vor einer Sitzung des UNO-Sicherheitsrates begangen worden, »um Druck auf Syrien auszuüben«. Dazu allerdings hat keiner der Politiker Stellung genommen.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.