Syrien: Wer kann, der flieht

UNO fürchtet dramatischen Anstieg der Zahl von Kriegsvertriebenen

  • Marc Engelhardt, Genf
  • Lesedauer: 2 Min.
Der Mittwoch war nach Angaben der syrischen Opposition der bislang blutigste Tag seit Beginn des Konflikts vor gut 18 Monaten. Mindestens 305 Menschen seien binnen 24 Stunden getötet worden, erklärte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Weil im syrischen Bürgerkrieg kein Ende in Sicht ist, fliehen immer mehr Syrer aus ihrer Heimat. Die UNO rechnet bis Ende des Jahres mit 700 000 Flüchtlingen. Zur Bewältigung der Krise werden mehr als 250 Millionen Euro benötigt.

Wer kann, der flieht: Jeden Tag melden sich in den Flüchtlingslagern entlang der syrischen Grenze zwischen 2000 und 3000 Syrer, die ihre Heimat wegen des Bürgerkriegs aufgegeben haben. Und ein Nachlassen der Flüchtlingskrise ist nicht in Sicht. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) geht deshalb davon aus, dass die Zahl der syrischen Flüchtlinge in den kommenden drei Monaten auf mehr als das Doppelte ansteigen wird - von jetzt offiziell 294 000 auf 700 000. »Die Regierungen und Bewohner in Syriens Nachbarstaaten haben die Flüchtlinge bisher mit offenen Armen aufgenommen«, lobt UNHCR-Koordinator Panos Moumtzis. »Aber die Gastgeber sind am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt.«

Die ersten Flüchtlinge wurden noch in Familien aufgenommen. Doch jetzt ist das Ausmaß so groß, dass das UNHCR und andere Hilfsorganisationen in der Türkei, Jordanien, Libanon und Irak ständig neue Lager planen müssen. »Wir sind besonders besorgt wegen des kommenden Winters«, so Moumtzis. »Wir brauchen dringend warme Unterkünfte, Kleidung, Heizgeräte und Decken.«

379 Millionen Euro, so heißt es im gestern in Genf vorgestellten Aktionsplan, brauchen UNO und Hilfsorganisationen, um die Flüchtlinge ausreichend zu versorgen. Doch bisher ist nicht einmal ein Drittel davon zugesagt. »Das macht Planungen sehr schwierig«, klagt Moumtzis. Viele der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder - gerade sie bräuchten dringend Hilfe, sagt Michael Penrose von der Hilfsorganisation »Save the Children«. »Wir sind deshalb froh, dass im Aktionsplan Mittel für die Gesundheitsvorsorge von Kindern und für Schulunterricht vorgesehen sind.«

Ein Problem sind die Lager selbst: Viele Syrer sind einen hohen Lebensstandard gewohnt. Gegen die ärmlichen Bedingungen im Lager Zaatari in der jordanischen Wüste hatten am Montag Hunderte Flüchtlinge protestiert. Als sie randalierten und Zelte in Brand steckten, griff die jordanische Polizei ein. »Die Stimmung ist angespannt«, weiß auch Moumtzis. In Zaatari, wo unter den 30 000 Flüchtlingen viele junge Männer sind, entlade sich diese Stimmung auch in Gewalt. »Wir leisten lebensrettende Hilfe - egal, wie viel wir tun, den Komfort von zu Hause werden wir nicht bieten können.« Tatsächlich könne den Flüchtlingen nur eines helfen: Friede in ihrer Heimat.

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