Der Spritzkuchen ist ein echter Eberswalder

171 Jahre nach Erfindung des Gebäcks durch Gustav Louis Zietemann wird am Sonnabend der 1. Spritzkuchenkönig gekürt

Was für Wien die Sachertorte und für Berlin die Currywurst, ist für Eberswalde der Spritzkuchen - ein Stück Heimat und Ort des Originals. »Eberswalder Spritzkuchen«, kennt man überall, in Backbüchern im In- und Ausland wird die Rezeptur des leckeren Brandteiggebäcks unter diesem Namen veröffentlicht. Dass sie dabei jedoch in jedem Fall die ist, die der Konditor und Lebküchler Gustav Louis Zietemann 1832 erfand, ist nicht gesagt. Denn Zietemann war zwar ein cleverer Handwerker, auf die Idee, die Rezeptur und den Namen des Gebäcks schützen zu lassen, kam er jedoch nicht. Warum auch, seine Spritzkuchen gingen auch so weg wie warme Semmeln. Nicht den Brandteig als solchen erfand der damals 25-Jährige, sondern er machte die Entdeckung, dass Gebäck daraus besser gelingt, wenn man ihn nicht, wie schon länger bekannt, im Ofen bäckt, sondern zunächst auf ein Papier spritzt und dann schwimmend im Fett ausbäckt. Das so entstandene Gebäck war ungleich lockerer als alles, was bis dahin aus Brandteig hergestellt wurde. Schnell war die Zietemannsche Erfindung zu einem Renner in Eberswalde geworden, und als der Geschäftsmann nach dem Bau der Eisenbahnlinie Berlin-Eberswalde im Jahr 1842 von Bäckerburschen seine süße Kalorienbombe auf dem Bahnhof an die Reisenden verkaufen ließ, dauerte es nicht lange, da war der Eberswalder Spritzkuchen auch in Berlin in aller Munde. Als der Konditor, der es inzwischen längst zu einem der angesehensten Bürger des Städtchens gebracht hatte, 1868 zu seinem ältesten Sohn nach Riga übersiedelte, übernahm der 1842 geborene jüngere Sohn Hermann Julius die Konditorei und sorgte dafür, dass die Spritzkuchen nicht ausgingen. Später führten zwei seiner Söhne das Geschäft weiter, bis in den letzten Kriegstagen im April 1945 die Konditorei in der Mühlenstraße zerstört wurde und die Familie das Unternehmen aufgab. Der Spritzkuchen jedoch überlebte. In den 60er Jahren gab es ihn auch wieder auf dem Bahnhof zu kaufen. So genannte Eberswalder Spritzkuchen gibt es zwar inzwischen überall zwischen Nordsee und Alpen, doch die wenigsten Bäckereien und Konditoreien machen sich heute noch die Mühe, den Brandteig von Hand herzustellen, sondern verwenden ein Instantfertigpulver. Das geht zwar schneller, doch zu Lasten der Qualität und des Geschmacks. Anders in der 1991 gegründeten Eberswalder Brot- und Feinbackwaren GmbH »Märkisch Edel« in Eberswalde. Hier pflegt man das Zietemannsche Erbe und rührt für die täglich zu backenden rund 2000 Eberswalder Spritzkuchen den Teig nach wie vor von Hand aus frischen Zutaten. Im vergangenen Jahr, als in Eberswalde die Landesgartenschau stattfand, gehörte das stets frische süße Gebäck in einem extra stabilen Tragekarton mit aufgedruckter Rezeptur zu den besonders begehrtes Souvenirs. An diesem Sonnabend nun wird in der Stadthalle Traumzauberland (ehemals Blumenhalle der Landesgartenschau) ab 14.30 Uhr nach 171 Jahren der »1. Eberswalder Spritzkuchenkönig« gekürt. Fünf Bewerber gibt es dafür. Gefragt sind sowohl theoretisches Wissen über die Geschichte des Eberswalder Originals als auch praktische Fähigkeiten. Jeder Kandidat muss beweisen, dass er den Spritzkuchen auch zubereiten kann. Eine Fachjury wird den Spritzkuchenkönig ermitteln. Zusc...

Wenn Sie ein Abo haben, loggen Sie sich ein:

Mit einem Digital-, Digital-Mini- oder Kombi-Abo haben Sie, neben den anderen Abo-Vorteilen, Zugriff auf alle Artikel seit 1990.