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ERLINER KOPFE Kunst ohne Raum

  • Lesedauer: 3 Min.

BERNHARD KOTOWSKI

ND-Foto: Burkhard Lange

Daß sein Einstand mit allzu großen Erwartungen verknüpft worden wäre, kann man nicht behaupten. Als Bernhard Kotowski vor 18 Monaten das neugeschaffene Amt des Atelierbeauftragten beim Berufsverband Bildender Künstler (BBK) antrat, reagierten die Betroffenen gelinde ausgedrückt zurückhaltend. Ein Amt ohne Entscheidungsbefugnis, ein Titel ohne Inhalt, lautete die einhellige Meinung damals. Mit Skepsis wurde auch die Biographie des Frischgekürten beäugt. Nach dem Geschichtsstudium an der FU arbeitete der 36jährige gebürtige Berliner zunächst zwei Jahre lang im Planungsreferat des Kultursenators, schlug dann eine politische Laufbahn ein und zog für die CDU in die BW Wilmersdorf. Nun plötzlich auf der „anderen Seite“ zu stehen und die Interessen der Künstler gegenüber der Politik unabhängig zu vertreten, trauten ihm die wenigsten zu. Zumal Kotowski als Angestellter der Kulturwerk GmbH, einer Tochtergesellschaft des BBK, immer noch, wenngleich mittelbar, auf der Gehaltsliste des Kultursenats steht.

Doch mittlerweile scheint es, als strafe Kotowski seine Kritiker Lügen. Zwar hat er tatsächlich keine rechtliche Handhabe, um seinen Auftrag, Künstlern günstige Arbeitsräume zu beschaffen, zu erfüllen. Er und sein Büro in der Köthener Straße können weder selbst Atelierhäuser bauen, noch einzelnen Künstlern Räume vermitteln. Aber Kotowski hat in den letzten Jahren bewiesen, daß sich schon durch hartnäckiges Hinweisen auf Mißstände ujid persönliches Engagement einiges bewegen läßt. '

Die Situation für ateliersuchende Künstler sieht derzeit tatsächlich alles andere als rosig aus. Seit dem Fall der Mauer sind die Ge-~we'rbemietäfi “' in“'' Ost“' üfld West dramatisch gestiegen. Als- Folge * dieser - Goldgrä-' berstimmung wird der Raum nicht nur für Gewerbetreibende, sondern auch für Maler und Bildhauer immer knapper. Die Zahlen, die Kotowski unlängst präsentierte, sprechen eine deutliche Sprache. Demnach gibt es in Berlin momentan etwa 3 600 Bilderide Künstler, so viele wie in keiner anderen deutschen Stadt. 70 Prozent von ihnen müssen mit einem Monatseinkommen von 1 300 Mark auskommen. Die Mieten für

Ateliers sind demgegenüber in den letzten drei Jahren um das Vierfache gestiegen, von 4,50 Mark auf 18 Mark pro Quadratmeter. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird man 1995 in Berlin keine bezahlbaren Ateliers mehr finden“, rechnet Kotowski vor. Allein im ersten Quartal '93 habe der BBK 185 Atelierkündigungen oder kündigungsgleiche Mieterhöhungen registriert. Wohl nicht zuletzt aufgrund Kotowskis beständigem Drängen hat sich der Senat in diesem Jahr bereit gefunden, insgesamt 2,5 Millionen zur Verfügung zu stellen, um über die landeseigene Gesellschaft für Stadtentwicklung Ateliermieten zu bezuschussen.

Laut Kotowski bedeutet dies „zweifellos einen Schritt in die richtige Richtung“. Dennoch würden dadurch nur die vorhandenen Räumlichkeiten gesichert, neue Ateliers hingegen nicht geschaffen. Statt punktuell Hilfe zu verteilen, müsse der Senat ein langfristiges Programm für den Bau von Ateliers erarbeiten. Und gerade in diesem Zusammenhang wirft Kotowski dem Kultursenator Roloff-Momin schwere Versäumnisse vor. So stehen seiner Verwaltung laut Einigungsvertrag die „kulturell oder überwiegend kulturell genutzten Räumlichkeiten“ der ehemaligen Kombinate zu. Dort könne man, so der Atelierbeauftragte, entweder direkt Arbeitsmöglichkeiten für Künstler einrichten oder die Immobilien gegen geeignetere Räume tauschen. Bisher jedoch existiert nicht einmal eine Liste der in Frage kommenden Objekte. Die Rolle des Mahners wird Bernhard Kotowski wohl noch einige Zeit lang erhalten bleiben .

ULRICH CLEWING

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