Die Auserwählten

Selbstmordattentäter - Psyche und historische Wurzeln

  • Tilmann Moser
  • Lesedauer: 5 Min.
Spätestens seit dem mörderisch-selbstmörderischen Angriff auf das World Trade Center rätselt die Welt nicht nur über die politischen Hintergründe, sondern auch über die individuellen Motive und Einstellungen der Terroristen bzw. der »Gotteskrieger«, wie sie aus ganz anderer Perspektive heißen. Resigniert schreibt Joseph Croitoru, FAZ-Lesern seit langem durch seine differenzierten Berichte aus dem Nahen Osten vertraut, über israelische Forschungen an abgefangenen Attentätern: dass sich »häufig die Trennlinie zwischen offen artikulierter persönlicher Motivation und dem Herunterbeten der von ihren Auftraggebern aufoktroyierten Propagandafloskeln verwischt«, und sich damit »die wahren Motive der palästinensischen Selbstmordattentäter noch zusätzlich verschleiern«.
Über die Auftraggeber hat der Autor ein umfassendes Werk geschrieben. Sieht man einmal von dem hervorragenden Kapitel über die japanischen Kamikazeflieger aus dem Zweiten Weltkrieg ab, so sind es die inzwischen altvertrauten Namen von Fatah, Hamas, Hisbollah, islamischer Dschihad, Volksfront usw., die in steter Rivalität um ihre politische Bedeutung die mediale Inszenierung ihrer Taten suchen. Sie instrumentalisieren die Attentäter, suchen beim Indoktrinieren und Rekrutieren immer neue Wege. Die Aspiranten durchlaufen zum großen Teil Islam-Schulen, die Jüngsten werden in Feriencamps vorbereitet. Sie leben, soweit es sich nicht um areligiöse Gruppen handelt - aber auch dort wird mit verheißungsvollen Jenseitsvorstellungen geworben - in einem islamistischen Milieu, das oft Religion, palästinensische Wiedereroberungsfantasien und Rachekriege verbindet. Hinzu kommt ein ebenso in den Gruppen geförderter Märtyrerkult. Croitoru spricht, in Anlehnung an die japanischen Kämpfer für Kaiser und Vaterland, von einer Sakralisierung des Krieges und einer Mischung von Todessehnsucht und Stolz auf das Auserwähltsein, dessen Freiwilligkeit immer betont werden muss.
Der »normale« palästinensische Attentäter durchläuft bestimmte Phasen der Vorbereitung, die Croitoru aber nicht als »Gehirnwäsche« verstanden wissen will. Von der Hisbollah sagt er, sie sei »zu einer wahren Märtyrer-Fabrik geworden, der Nachschub an Selbstaufopfern schien unerschöpflich«. Aus Fernsehbildern ist uns ja noch vertraut, wie die Auserwählten sich vor der Kamera zeigen, ihren religiös-politischen Standpunkt darlegen, den Stolz auf ihre Mission, die sie in einem öffentlich verlesenen Abschiedsbrief bekunden. An den Häuserwänden kleben nach dem Attentat Plakate mit ihren Gesichtern und letzten Aussprüchen. Schulen und Kindergärten werden nach ihnen benannt, und der große Pate Saddam Hussein ließ Schecks für die tapferen Hinterbliebenen verteilen.
Da man so wenig von der Psychologie der Täter weiß (Croitoru spricht von den schwer zugänglichen Betriebsgeheimnissen der Rekrutierung), lohnt es sich, exemplarisch ihren kollektiven Werdegang zu verfolgen: In den Moscheen werden sie »mit Vorträgen über den Islam geködert«, danach solche über das Martyrium. Bei sichtbarem Erfolg und wenn der Kandidat »Bereitschaft signalisiert, sich freiwillig zu Todesoperationen zu melden«, werden sie schrittweise nach ihrer »Eignung für Todesmissionen selektiert«. Später kommen »Härtetests« hinzu mit Todesnähe, und dann, als Verlockung wichtig angesichts der engen Clanstrukturen, die Verheißung: »Der Auserwählte... wird von den Schrecken des Jüngsten Gerichts verschont und darf Fürbitte für siebzig Verwandte leisten.« Es folgen Tage völliger Isolation und eine »verhörartige Befragung«, um die Standhaftigkeit zu überprüfen. Von da an gilt er als »lebender Märtyrer« und bekommt einen »persönlichen Betreuer« zur Seite, der das weitere Training begleitet und ihn im Umgang mit der Bombe unterweist. Stundenlanges lautes Beten bis zur Trance vollendet den »Ausbildungsprozess«.
Obwohl Israeli, zeigt Croitoru ein ausgesprochen humanes politisches wie psychologisches Einfühlungsvermögen in die Lebensumstände der Palästinenser unter den schwierigen Existenzbedingungen der Besetzung, der Demütigung, Erniedrigung, ökonomischen Bedrohung und Schikanierung durch die israelische Armee, den israelischen Staat. Natürlich stoßen eifrig geschürter palästinensischer Judenhass und der Palästinenserhass bzw. die Verachtung der Palästinenser durch die Israelis oft blind aufeinander. In ihren verzweifelten Größenfantasien bläuen die verschiedenen Gruppen der Palästinenser ihren Attentäter-Werkzeugen ein, dass sie im Dschihad, im Heiligen Krieg, für die Wiedereroberung ihrer Heimat fallen. Geistliche verkünden in den Moscheen, dass im Heiligen Krieg Selbstmordattentate erlaubt seien. Sie werden allerdings anders genannt: Selbstopferungs-Attentate, weil der Islam den Selbstmord verbietet. Die Attentäter bekommen von ihnen, bevor sie starten, Schlüssel um den Hals, damit sie sich den Himmel öffnen können. Politische, religiöse und vielleicht private Ziele fließen ineinander, eine realistische Orientierung in dieser irdischen Welt scheint vielen dieser Glaubenskrieger überhaupt nicht zugänglich. Und da die Verwandtschaften weit reichen, kennen viele in der erweiterten Familie direkte Opfer der Israelis, Entrechtete, Gefolterte, Gedemütigte, oder schon gleich Märtyrer, die als Familien- oder Clanheilige verehrt werden.
Als oberstes Motiv und dennoch nicht wirklich individualisiert, erscheint bei Croitoru die Rache, geschickt genährt und rituell befestigt, nicht zuletzt bei den als große Zeremonien organisierten Begräbnissen, die man ebenfalls aus dem Fernsehen kennt. Wiederum wetteifern die verschiedenen politischen Gruppierungen in der Darstellung der Trauer, in der Ausrichtung von Märtyrertagen und der Gründung von Denkmälern. Croitoru pathologisiert nicht die Individuen, wie fanatisiert sie auch seien, sondern die politischen Zustände.
Die Osloer Friedensvereinbarungen von 1993 hatten viele Feinde, am intensivsten aber unter den Märtyrern, die an die Todesfront geschickt wurden. Und der Misserfolg von Oslo scheint ihr einziger wirklicher und trauriger Erfolg gewesen zu sein. Ein Friedensschluss galt ihren Führern fast als apokalyptische Drohung, und als solche wurde er den Aspiranten auf das politisch-religiöse Martyrium auch eingebläut. Ein Buch, hochinformativ und konsequent recherchiert und durchdacht.

Joseph Croitoru: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. Carl Hanser Verlag, München/ Wien 2003. 299S., geb., 19,90 Euro.

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