Ein »universeller Dilettant«

Die Berufungen des Hartwig Ingo Graf Runge

Haben Sie noch irgendwo alte AMIGA-Singles? Echte, schwarze Mikrorillenplatten, vor 40 Jahren gepresst? Die mussten ungefähr 45 Mal in der Minute um sich kreisen, damit Cha-Cha-Cha, Twist, Tango oder auch Letkiss das richtige Tempo bekamen. Dreht sich das alles - wie in Mucks sonntäglicher MDR-Fernsehverklärung »Damals wars« - unter der beliebten Rubrik: Vergangen, vergessen, vorüber? Oder nun doch schon wieder unter dem Motto: Gehört, gekauft, gefragt? Es gibt heute eine ganze Menge Leute, die im »Klangkombinat«, das ist ein von jungen Leuten gut sortiertes Leipziger Fachgeschäft, für diese alten AMIGA-Pressungen gern in harter Euro-Währung bezahlen. Von einem Verkäufer erfuhr ich, dass derzeit alle Britt Kersten-Singles aus den 60ern in Holland sehr gefragt sind. Ich gebe ja zu, ein bisschen spleenig muss man schon sein, um hier 2004 nach dem 40 Jahre alten Erfolgsschlager »Pech für mich« des Sängers Ingo Graf zu fragen. Und die schwarze Scheibe im Originalcover sogar noch zu kaufen. Wer wie ich damals auch deutsche Schlager hörte, nicht nur den legendären, beliebten »Aktuellen Plattenteller« des Deutschlandfunks, sondern im Deutschlandsender vielleicht auch mal den »Schlagercocktail« probierte, kam an dieser »Pechsträhne« nicht vorbei. Noch heute ist Ingo Grafs Klage »Ana-, Ana-, Ananas hab ich ihr geschickt, trotzdem ist mir nie etwas, nie etwas geglückt« nicht nur in meiner Erinnerung. Was macht eigentlich...??? Seit Jahren ist dies die Standardfrage der Illus und Gazetten mit den Superbuchstaben und -bildern. Stars und solche, die niemals welche waren, werden befragt. Der Sänger und Moderator Ingo Graf war in der DDR äußerst populär, für ein reichliches Jahrzehnt. Der Diplomphilosoph und Mathelehrer Hartwig Runge ist jetzt ohne große mediale Präsenz sechseinhalb Jahrzehnte alt geworden. Zwei Namen. Eine Person. Hartwig Runge stand auch auf meinem kürzlich anzukreuzenden Wahlzettel für das Stadtparlament Leipzig. Der Kandidat verpasste knapp bei der PDS-Fraktion den Einzug. Glück für mich, da sein Kalender nun nicht mehr so mit Terminen verstopft ist und Zeit für Fragen, Antworten und meine Neugier auf sein doppeltes »Ich« bleibt. Aller Anfang ist schwer. »Wissen Sie, dass seinerzeit "Pech für mich" sogar verboten wurde?«, fragt er mich. Parat hatte ich noch den damals rasch aus dem Äther verbannten »Stottertwist« von Rolf Herricht (man beleidigt keine Kranken) und die heißen Diskussionen um die übrigens heute mit 18 Euro gehandelte alte AMIGA-Single Drafi Deutschers »Marmor, Stein und Eisen bricht« (schlechtes Deutsch und politische Lüge) - »...alles, alles geht vorbei!!!« Nein, der Sozialismus bleibt, schrieb die Fernsehzeitung 1964 überzeugt. Ich tippe beim Graf-Lied auf Ana-, Ana-, Ananas als kritische Zeile - weil es keine gab? Und erfahre, »dass Lotte Ulbricht schuld war«. Immer auf dieselbe Dame, denke ich, aber meine Neugier ist geweckt. »Lotte-, Lotte-, Lotterie... mein Gehalt ist hin«, hatte doch der Schelm Wolfgang Brandenstein getextet und damit für Vergleiche und Verstimmung der ersten Frau im Staate gesorgt. Ob es so gemeint war? Jedenfalls erzählt es sich gut. Sein Geburtsname missfiel übrigens damals den AMIGA-Chefs wirklich. So wurde der am zweiten Weihnachtstag 1938 in Gadebusch Geborene 26 Jahre später einfach Ingo Graf getauft, damit sich die erste Single »Bravo Bambina« (ein nachgesungener Rex Gildo Hit) noch besser verkauft. Was etwas später den Karikaturisten Kurt Klamann im »Eulenspiegel» spötteln ließ: »Der Graf im Fernsehen, der König im Oktoberklub und der Kaiser im Berliner Ensemble - die DDR ist doch eine janz schön feudale Gesellschaft!« Übrigens: Königs Hartmut textete Jahre danach eine noch heute recht anhörbare Liebesgeschichte für Grafs Ingo - »Student in einer fremden Stadt«. Als Absolvent Hartwig Runge sein Lehrerexamen für Mathe und Physik in der Tasche hatte, wäre er um Haaresbreite an das Erfurter Gutenberg-Gymnasium vermittelt worden. »Ich kenne dort noch alle Räume, hatte mich da ja um eine Anstellung beworben.« Aber: Der durchaus auch eitle junge Schlacks wechselte den Lebensweg. »Ich hatte Lust auf Applaus und Erfolg. Schon als Knirps öffnete ich in Gadebusch das Fenster extra weit, damit alle auf der Straße mein Trällern am Klavier hören konnten.« Der Erfolg gab ihm Recht. Bei Fernsehprobeaufnahmen, ja so hieß das damals, stach er den »Außenseiter« Hans-Joachim Wolfram zwar nicht aus. »Spitzenreiter« Ingo Graf aber wurde nunmehr der singende Gastgeber der populären Reihe »Schlager 67, 68 und 69«. Eine musikalische Reise quer durchs Land mit Interviews und neuen AMIGA-Produktionen. Wer es nicht erlebt hat, dem muss man es erläutern. Es war die Zeit, in der die deutschen Schlagerbarden in Ost und West gegen lange Haare und den »Beat-Club« ankämpften. Bei den Jüngeren meist vergeblich. Ingo Graf hatte bald auch nicht mehr die rechte Lust auf »Heute Nacht wird mal durchgemacht«-Reimereien. Er ging, gefördert von der Künstleragentur der DDR am Checkpoint Charly, auf Tournee und sang sich im wahrsten Sinne des Wortes frei. In über 30 Ländern. Und kam im Gegensatz zu anderen jungen Genossen immer wieder in die DDR zurück. »Als ich in Polen sang, überfiel mich der Gedanke, dass hier ja auch die Soldatenstiefel meines Vaters durchgestampft sind. In Moskau bot ich mit deutschem Akzent einer alten Russin in der Metro meinen Platz an, und sie beschimpfte mich: "Njemez!"« Das Privileg, in viele Teile der Welt zu reisen, stimmte ihn auch nachdenklicher. Irgendwie empfand er sich im falschen Beruf. Trotz intensiver Ermutigung durch Gisela May während der Weimarer Chansonkurse. »Ich verstand mich als ihr Medium, der Schein sollte überwunden, das Sein getroffen werden.« Die nun folgenden Aufnahmen wie »Ein Jahr ist ein Hauch«, getextet vom Lyriker Jens Gerlach, aber auch Ingo Grafs Eigenkomposition »Schatten« und »Das Lied von den Rosen und Träumen« waren kein schlechter Ausstand. Dann engagierte ihn auch noch die DEFA als Sangesstimme für Hauptdarsteller Hans Michael Schmidt in »Heisser Sommer«. Ingo Graf verdiente bei durchschnittlich 25 Auftritten im Monat wahrlich nicht schlecht, entschied sich aber für den zumindest finanziellen Abstieg ins doch erlernte Lehrerdasein. »Die Singerei war einfach ausgereizt.« Manch Sangeskollege raunte ihm zu, ob er sich das wirklich überlegt hätte. »Sich immer in der Mitte des Lebens zu fühlen, ganz gleich wie alt man ist«, lautet eine seiner Lebensregeln. Der inzwischen nicht mehr ganz so junge Student Runge schrieb sich für Philosophie in Leipzig ein. Und zwar im Hochhaus am Karl-Marx-Platz, wo Marx - und nicht nur dort - Jahre später »beerdigt« wurde. Ich war etwas verblüfft. An der Haustür existiert noch immer das Klingelschild Ingo Graf neben dem von Dr. Monika Runge, ihres Zeichens PDS-Abgeordnete im Sächsischen Landtag und seine zweite Frau. Wieso ist er den Künstlernamen bis heute nicht losgeworden? »Zuerst hatte ich die ungeheure Popularität der Fernsehsendungen unterschätzt. Ich war zwar in meinem erlernten Beruf als neuer Physik- und Mathematiklehrer der Herr Runge, blieb aber für die Eltern auch der Sänger Ingo Graf. Irgendwann gibt man dann auf.« Ich bedaure es, dass ich ihn nicht als Schullehrer, Ensembleleiter oder Parteisekretär erleben durfte. Seine ansteckende Vitalität, die provozierenden Fragen, das unbequeme Querdenken hat er nicht erst im jetzigen Ruhestand gelernt. Als sich im Osten alles und viele wendeten, unterrichtete er noch an der Ballettschule Leipzig die Eleven in Philosophie. »Ja, ist man eigentlich parteilos, wenn man 30 Jahre in der SED war und nun austritt?« Seine Frage bringt mich ins Grübeln. Hartwig Runge unterschlug nichts bei erneuten Bewerbungen und frisierte nicht sein bisheriges Leben beim Durchstarten ins neue Deutschland. Natürlich bremste ihn die frühere Funktion des Parteisekretärs aus. Und die Blockflöte war nie sein Instrument. Er stritt, prozessierte, diskutierte und gewann. Arbeitete wieder als Lehrer. Lernte später mit Arbeitslosigkeit vor der Rente fertig zu werden. Engagierte sich über Jahre im Stadtrat Leipzig für die PDS als ihr kulturpolitischer Sprecher. »Politik muss immer am Gegenstand erläutert werden, damit die Menschen wissen, dass sie gemeint sind.« Seine selbst gestalteten Plakate »Stoppt Bushbrände« oder die direkte Aufforderung »Wolfgang Tiefensee auf die Sprünge helfen, darum PDS wählen«, waren Aufmerker im Stadtbild. Er trug und klebte sie selbst bei Demonstrationen und im Wahlkampf. Er ist noch immer ein streitbarer Leserbriefschreiber gerade auch in dieser Zeitung. Irgendwann holte ihn sein anderes »Ich« erneut ein. Auch an Hartwig Ingo Graf Runge ging die Show »Wiedersehn macht Freude« nicht vorbei. Der MDR fragte an, er sagte zu, und »Das Lied von den Rosen und Träumen» brachte nach 25 Jahren Pause einen Interpreten mit Bart und Brille auf die Bühne. Es gab viel Beifall. »Mann, ich war ganz schön aufgeregt.« Nur für mich gab es dann live am elektronischen Klavier ein musikalisches Extra. Da treffen Johannes R. Becher, Bertolt Brecht und Heinrich Hoffmann von Fallersleben in Ingo Grafs »Hymne der deutschen Einheit« aufeinander. Und als Zugabe sein Schneiderlied nach einem Text von Günter Scholze: »Es war einmal ein Schneider, der nähte keine Kleider. Er liebte rote Lilien und kaufte Immobilien, die motzte er auf nobel. Er war kein kleiner Popel«. Diverse Ähnlichkeiten mit noch lebenden Haarteilträgern sind ausdrücklich erwünscht. Man merkt Hartwig Ingo Graf Runge - in diesem Moment sind sich die beiden sehr nah - den ungeheuren Spaß an Fabel und Interpretation an. Einmal Zirkuspferd, immer Zirkuspferd? Er widerspricht nicht ausdrücklich und raucht schon wieder viel zu viel. »Vielleicht bin ich doch ein universeller Dilettant.» »Der Anteil des Affen an der Menschwerdung der Arbeit - oder die Neue Qual dieses Sozialistischen« - so nennt Hartwig Runge einen politischen Essay, der ihn kürzlich drei volle Monate beschäftigte, bevor er fertig im Computer stand. 25 Seiten, mal unterhaltsam, mal anstrengend. »Die Geschichte siegt immer über die Sieger der Geschichte - und die Verlierer entdecken ihre neue Chance.« Gern würde er ein Buch schreiben. Keinen Wälzer, »vielleicht so 150 Seiten«. Den Titel hat er schon: »Die dritte Seite der Medaille«. Über Lebenswahrheiten, die sich nicht auf den ersten und zweiten Blick erschließen. Er steht lächelnd auf, geht zum Schrank, holt ein schwarzes Jackett hervor. Darauf fein säuberlich Medaillen und Ehrenzeichen, die mit seinem DDR-Leben zu tun haben. »Das wäre ein tolles Motiv für den Schutzumschlag.« Ich wünsche ihm ...

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