Die Girlreihe legt kurz ab

»Hexen« machen Tempo in der neuen Revue des Friedrichstadtpalastes

  • Almut Schröter
  • Lesedauer: ca. 2.5 Min.
Das versenkbare Rund der Bühne bewegt sich oft in der neuen Revue. Wenn Tod und Teufel eine Rolle spielen, kann schon mal kurz die Hölle aufglühen. Dann wieder wachsen rote Blumen - groß wie Bäume - aus schwarzen Knospen. Eine hat einen kleinen Knick im Stengel. Sympathisch wirkt das. Ach, nichts ist vollkommen.
»Hexen«, die neue farbenreiche Revue von Sascha Iljinskij in der Regie von Matthias Davids im Friedrichstadtpalast, widmet sich der Vollkommenheit. Individualität und Toleranz werden letztlich mit den Mitteln des Genres gefordert. Das Wort der Hexen gilt: Schadet es keinem, dann tu, was du willst.
Die vier schönen Hexenschwestern meinen in der Fabel, sie müssten die Welt unbedingt verbessern. Donna (Iris Makris) braut sich den Adam (Karim Khawatmi) ihrer Träume zusammen. So richtig gelingt der nicht. Die stumme Wicca (Susann Malinowski-Märtens) akzeptiert die Endlichkeit menschlichen Daseins nicht und will die großen Geister der Geschichte zurückholen. Das geht schief. Bella, die Wasserhexe (Leah delos Santos), entdeckt traurig, dass sie bei den Irdischen fremd bleibt. Und Clony, die Besitzergreifende (Katja Berg), will mit Computertechnik Menschenskinder klonen. Die Hexe rauscht in einer Computer-Mouse sitzend auf die Bühne. Ihre »Klonis« wären gut beherrschbar. Doch das System stürzt ab. Pech gehabt.
Nicht alles erschließt sich so einfach ohne Programmheft. Ob das gut ist, darüber könnte man streiten. Im Heft zu lesen, lohnt jedenfalls. Zum Staunen gibt es dann noch allerhand bei Bühnenbild und Lichtgestaltung von Heinz Hauser, Olaf Eichler und Andreas Stübler. Ein schwebendes Auge scheint das Publikum schon durch den Vorhang zu taxieren. Das Trugbild von einem Wasserfall verzaubert. Speere sausen herab und bohren sich in den Bühnenboden. Die Damen der Girlreihe hängen mal kurz ihre Jacken an einen gigantischen Kleiderbügel. Und die Hexe Wicca läuft in einem beeindruckenden Lichttunnel durch die Zeit. Das alles wirkt frisch, modern, kurzweilig. Diese Revue ist auf der Höhe der Zeit. Achim Kujawa hätte das Casting nicht besser machen können. Die drei singenden Hexen wissen sich neben ihrer Ballett-Schwester gut zu bewegen. Allein Adam scheint gesanglich etwas unterfordert, weil die Rolle nicht mehr hergibt. Und wenn die Hexen singen, sie seien das Salz in der Suppe, dann sind wohl die Artisten gut dosierte Kräuter. Luftballett, Drahtseilakrobaten, Trapezkünstler, Äquilibristen und Stunts sind nicht mehr allein auf der Bühne. Die Regie lässt sie von Gesang oder Tanz begleiten. Gleich zu Anfang bringen die Pellegrini Brothers mit ihrer Äquilibristik das Publikum zum Jubeln.
Das Ballett agiert in bester Form in klassischen wie wild bunten Kostümen von Andrea Kleber. Sie lässt die Gewänder der Akteure mit Motiven des Bühnenbilds korrespondieren. Allein die Musik von Frank Nimsgern überrascht nicht. Die ist wie immer. Zum Reich der Wasserhexe gehört diesmal das Bassin. Halbherzig ist dort das Wasserballett eingesetzt. Statt von dunklen Mächten getrieben das Nass in den Kriegsszenen kräftig aufzuwirbeln, schwimmt nur ein einsames Wasserwesen müde durchs Halbdunkel. Aber irgendwas ist ja immer.

Bis 14.11. u. wieder ab 29.12., Friedrichstadtpalast, Friedrichstraße 107, Mitte, www.f...

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