In jedem steckt ein kleiner Hase

Literarisch Leichtes vom Flohmarkt: Ein junger Autor verkauft auf dem Boxhagener Platz seine Geschichten

Was haben Hasen den Menschen voraus? Sie können blitzschnell Haken schlagen und damit ihren Feinden entkommen, und entgegen landläufiger Meinung sind es mutige Tiere. Eigenschaften, die womöglich auch dazu dienlich sind, schnell einen Döner von Berlin-Friedrichshain nach Cannes an der Côte d'Azur zu transportieren. Hasen und Döner? Für gewöhnlich kommt wohl der gewöhnliche Feldhase Lepus europaeus kaum jemals in Berührung mit den fleischbeladenen türkischen Imbissbrötchen, und das Treiben in der Nobelstadt an der französischen Riviera dürfte bei Meister Lampe allenfalls nervöses Ohrenzucken auslösen. Anders verhält es sich mit den Hasen von Timo Rehm. Rehm ist Hasenexperte: keiner, der die Mümmelmänner (und natürlich Mümmelfrauen) in Käfigen hält oder ganz wissenschaftlich auf freier Wildbahn beobachtet. Timos Verhältnis zu den Langohren ist ein literarisches, seine Hasen sind Kopfgeburten, aber dennoch sehr hasenecht und gleichzeitig ausgesprochen menschlich. Diese Kombination macht sie zu Sympathieträgern - und die Leser von Rehms »hasenstress«-Geschichten sind begeistert. Die Besonderheit: Der Autor vermarktet seine Geschichten selbst. Aber dafür wählt er weder das Internet noch einen Verlag, bei dem man Geld auf den Tisch legen muss, um das eigene Werk gedruckt zu sehen. Rehm betreibt »Direktmarketing«. Jeden Sonntag steht er auf dem Boxhagener Flohmarkt im Bezirk Friedrichshain und spricht Menschen an, die vor seinem kleinen Stand stehen bleiben und neugierig scheinen auf die Heftchen im A 4 Format. Zwischen 20 und 30 Seiten Umfang hat so ein Heft, drei Stück gibt es bisher. Heft eins und drei erzählen Hasenabenteuer, Heft zwei sind Geschichten aus seiner Jugend in der DDR, aus den Wendezeiten und danach. Timo Rehm ist 37 Jahre alt und stammt aus der Niederlausitz. Seine erste »hasenstress«-Story hat auch einen politischen Aspekt: Die Hasen kämpfen für den Erhalt von Horno in der Niederlausitz, »das Dorf wollen die wegmachen und den ganzen Wald rings rum auch«. Im Berliner Plänterwald tagt der Hasenrat, weil Hasen jetzt auf der Roten Liste stehen und damit überhaupt keine Ruhe mehr vor den Menschen haben - »jetzt kommen auch noch die Forscher!« So beschließt der Rat, den agilen »Renato« in die Niederlausitz zu schicken. Denn dort wohnt Meister Lampe höchstpersönlich, und der weiß sicher Rat. »Renato« stammt aus Horno; als er nach einigen Abenteuern in der Niederlausitz ankommt, wird er gleich in eine Protestgruppe gegen die Vernichtung des Dorfes eingebunden. Timo Rehms Hasen können auch philosophieren, gewichtig und staatstragend wie der Hasen-Oberphilosoph »Jürgen Hasenmaß«, der aber durchaus bereit ist, auch mal eine schnelle praktische Lösung über die geliebte »Diskursvernunft« zu stellen. Rehms Hasengruppen spiegeln ideal funktionierende demokratische und ökologisch orientierte Gemeinwesen wider, mit allen Reibungen, die einfach dazugehören. Irgendwie stimmen die Proportionen zwischen den Mitgliedern der Hasengemeinschaft - eine beherzte Tafelrunde, der kritische Vernunft innewohnt, die klug handelt und ausgesprochen sinnesfroh ist. Timo Rehm produziert Texte, die man in die Kategorie leichte Literatur stecken kann, gut geschrieben, Tempo in den Sätzen, die Geschichten sind flüssig, spannend und witzig erzählt. Rehm ist etwa 1,80 Meter groß und schlank. Wenn es kalt ist, trägt er oft einen grauen Mantel, der ihm einen leicht intellektuellen Anstrich verleiht, er wirkt gebildet, ohne den Eindruck zu hinterlassen, verbildet zu sein. Er ist herumgekommen, hat in Indien gelebt. Dort hat er im Auftrag des Goethe-Institutes an Universitäten Deutsch gelehrt. Seine Augen können lachen, sein Blick kann romantisch wirken, ohne zu sehr ins Träumerische zu gleiten. Timo ist inzwischen routiniert, seine Reaktionen auf neugierige Menschen am Flohmarktstand sind Grenzgänge zwischen geschickter Anpreisung und spontaner Erzählung. Die Geschichte seines nächsten Hasenheftes spielt in Mexiko. Auch dort war er schon mal, zehn Wochen musste er sich in dem mittelamerikanischen Staat durchschlagen, weil man ihm alles Geld gestohlen hatte. Rehm ist ein Ein-Mann-Unternehmer, schreiben, herstellen, verkaufen, alles macht er selbst. Er lässt die Hefte nicht drucken, sondern geht in den Kopierladen. In den letzten neun Monaten hat er über 1000 seiner Hefte verkauft. Die Sache scheint sich einigermaßen zu lohnen. »Es trägt sich jedenfalls locker selbst, und ich kann immer wieder Hefte verschicken und verschenken oder in Cafés auslegen. Wobei die da ständig geklaut werden«, erzählt er. Zwischen September 2003 und Januar 2004 sei es ihm sehr schlecht gegangen, Auslöser für die Selbstvermarktung am Boxhagener Platz. Auch Freunde hätten ihn dazu animiert. »Heute kann ich mir kaum was Schöneres für den Sonntag vorstellen, als neben meinen Leuten zu stehen, das Markttreiben zu beobachten und dabei noch Geld zu verdienen. Fühlt sich frei an!« Warum Geschichten über Hasen? Die Idee sei ihm nach dem Lesen einer Reportage über die Tiere gekommen. Er wollte was Lustiges schreiben und dabei an seine Kindheit und Jugendzeit anknüpfen. Da habe dann alles zusammengepasst. Ursprünglich war »hasenstress« für Freunde gedacht. Inzwischen hat er bereits eine kleine Fangemeinde. Aus ganz Deutschland bekommt er e-Mails mit der Bitte, die Hasengeschichten doch weiter zu schreiben. Sein viertes Heft ist im Entstehen, was dann kommt, »mal sehen, wo der Hase hingeht«. Irgendwann, so sagt er, solle ein Gesamtwerk entstehen, eine Art Zyklus, in dem alle Geschichten in einem Buch zusammengefasst werden. »Vielleicht unter dem Titel "Mit beide...

Wenn Sie ein Abo haben, loggen Sie sich ein:

Mit einem Digital-, Digital-Mini- oder Kombi-Abo haben Sie, neben den anderen Abo-Vorteilen, Zugriff auf alle Artikel seit 1990.