Genossen entdecken den Neubau
Rot-Schwarz stimuliert Errichtung von Wohnraum
Kleines Präsent zum Ausklang des internationalen Genossenschaftsjahres: Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) spendierte gestern neun Berliner Wohnungsbaugenossenschaften knapp 15 Millionen Euro. Die neun gehören zu den 18 Unternehmen, die sich mit ihren Projekten an dem Mitte des Jahres durch den Senat ausgelobten genossenschaftlichen Neubauwettbewerb beteiligten. Die neun Auserwählten erhalten jetzt von der Investitionsbank Berlin für ihre Bauvorhaben zinslose Darlehen in Höhe von jeweils 1 bis 1,5 Millionen Euro, die sie innerhalb von 15 Jahren zurückzahlen müssen.
Insgesamt wollen die beteiligten Genossenschaften in den nächsten zwei bis drei Jahren über 1600 Wohnungen bauen. »Das zeigt das Potenzial und die große Kraft, die im genossenschaftlichen Engagement steckt«, lobte Müller. Denn die Genossenschaften, die mit 185 000 Wohnungen rund zehn Prozent des Berliner Bestandes verwalten, hatten sich in den vergangenen Jahren aus dem Neubau fast komplett zurückgezogen. Jetzt setzt der Senator aber gerade auf diesen, um der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt zu begegnen. Durch den Wettbewerb sollten die Genossenschaften angeregt werden, ihren Beitrag für bezahlbare Neubauwohnungen zu leisten.
Mit Mieten zwischen 7,50 Euro und 8,50 Euro pro Quadratmeter liegen die ausgewählten Genossenschaftsprojekte tatsächlich am unteren Rand dessen, was im Neubau möglich ist. »Vielleicht schaffen wir mit der Senatsförderung jetzt auch noch 6,50 Euro«, so Uta Schmidt von der 1996 gegründeten Genossenschaft Friedrichsheim. Sie wird in der Friedrichshainer Marchlewskistraße 20 familien- und altersgerechte Wohnungen errichten.
Mehr als 20 Mal so viele Wohnungen plant die Genossenschaft Möckernkiez auf der Brache am Gleisdreieck, ein in dieser Dimension bundesweit beachtetes Modellprojekt. 450 Wohnungen sollen ab kommendem Jahr entstehen, dazu soziale Einrichtungen wie Kita und Jugendfreizeiteinrichtung. Die Senatsprämie soll dazu verwendet werden, die Anteile jener Genossenschaftsmitglieder anteilig zu übernehmen, die sie nicht selbst komplett aufbringen können. Denn ganz billig ist das Wohnen im Möckernkiez nicht: Wer eine 100 Quadratmeter große Wohnung beziehen will, muss 92 000 Euro Eigenkapital aufbringen.
Aber auch eine der ältesten Genossenschaften der Stadt hat sich beteiligt. Die »Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1882« will in ihrer Welterbesiedlung Schillerpark in Wedding 86 Wohnungen errichten, die auch von einer Senioren-Wohngemeinschaft genutzt werden können.
»Hauptgewinner des Wettbewerbs ist Berlin«, befand Barbara von Neumann-Cosel vom Genossenschaftsforum. Die Stadt erhalte hochwertigen Neubau, und der Bereich spekulationsgesicherten Wohnraums wachse. Auch Müller sieht bereits eine Renaissance des Genossenschaftsgedankens. Im nächsten Jahr möchte er dies mit einem neuen Wettbewerb fördern.
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