Geistvolle Gegensätze
Fantasievolle »Ariadne«-Inszenierung in Chemnitz
Eigentlich war nach der Tragödie »Elektra« und der Komödie »Der Rosenkavalier« die Idee Hugo von Hofmannsthals, beide Genres in einer kleinen Oper »Ariadne auf Naxos« zu verbinden, gar nicht so abwegig. Indem der Dichter diese Kombination in der Erstfassung von Molières aufgeblasenen neureichen Bürger Jourdin und in der Neufassung vom reichsten Mann Wiens »anordnen« ließ, erhielt sie ihren besonderen Reiz.
Hofmannsthal griff doch nur auf das zurück, was die Italiener 200 Jahre vorher mit heiteren Intermezzi zwischen den Akten der Opera seria praktiziert hatten, was Emanuel Schikaneder und Wolfgang Amadeus Mozart in ihrer »Zauberflöte« in einzigartiger Vollkommenheit gestalteten. Der Weg zur schließlich gefundenen Fassung der »Ariadne auf Naxos« mit dem auf Molières »Bürger als Edelmann« herausgefilterten Vorspiel von etwa 40 Minuten Dauer und der doppelt so langen »kleinen Oper« erwies sich allerdings für den Dichter und Richard Strauss als beschwerlich. Doch das bleibt dem Ergebnis nicht anzumerken.
Schon das dialogisierende Duett zwischen dem Komponisten und Zerbinetta im Vorspiel erweist sich mit seiner großartigen Melodik und Harmonik als ein hintergründige Verquickung unterschiedlicher Denk- und Lebensweisen. Wenn in der Oper die Komödianten nach der ergreifenden Arie »Es gibt ein Reich« versuchen, Ariadne mit beschwingten Melodien und Bewegungen aufzuheitern, eröffnen sich geistvolle Gegensätze wie zwischen dem Vogelfänger-Lied und der Bildnis-Arie in Mozarts »Zauberflöte«. Von Ariadnes Gesang beeindruckt, schwingt sich Zerbinetta in ihrer Arie »Großmächtige Prinzessin« zu einer ihr anfangs nicht zuzutrauenden Größe auf. Das abschließende weit ausholende Duett zwischen Ariadne und Bacchus gehört zu den schönsten Gesängen von Richard Strauss, ja der deutschen Oper überhaupt.
Die Oper Chemnitz nahm sich seit ihrer Wiedereröffnung im restaurierten Haus nach »Salome«, »Elektra«, »Rosenkavalier« und »Arabella« nun auch der »Ariadne auf Naxos« mit großem Einsatz an. Im Vorspiel betont die Regisseurin Sabine Sterken zu Recht das komödiantische Element, die Vorbereitungen auf die im Hause des reichsten Mannes von Wien stattfindende Theater. Johannes Haufe, zugleich auch überzeugender Kostümgestalter, baute einen geräumigen Salon, in dem auch die kleine Bühne für die Oper mit Ariadnes Felseninsel untergebracht ist und der sich am Schluss ins Freie öffnet. Wiederholtes Umräumen im Saal des Vorspiels lenkt allerdings vom eigentlichen Geschehen ab wie der bei Strauss nicht vorgesehene Einsatz der stumm Garn (den Ariadne-Faden aus der Vorgeschichte) rollenden Nymphen. Entscheidend bleibt aber die bedachte Führung der Solisten im Vorspiel wie dann auch in der Oper. Die richtet die Regisseurin auf das Wesentliche. Dabei findet sie das richtige Verhältnis zwischen dem beweglichen, aber beherrschten Auftreten der Komödianten und den ernsten, von Ariadne geprägten Szenen. Noch mehr Wert müsste (besonders für die Partie des Komponisten) auf die Verständlichkeit des Wortes gelegt werden, zumal im Vorspiel der auf einen hellen Streifen eingeblendete Text bei stark ausgeleuchteter Bühne kaum zu erkennen ist.
Zu rühmen bleibt, wie dieses musikalisch anspruchsvolle Werk vom eigenen Ensemble, zu dem Katharina Holysz-Gemeinhardt in der Partie des Komponisten als einziger, aber ständiger Gast kommt, auf hohem Niveau bewältigt wird. Neben der Gastsängerin wird Jana Büchner als gewandte und virtuose Zerbinetta vom Publikum lebhaft gefeiert. Aber auch Nancy Gibson als Primadonna und Ariadne sowie Edward Randell als Bacchus wecken starke Eindrücke. Die für die Wirkung des Ganzen wichtigen anderen Partien gestalten Matthias Winter (Musiklehrer), Jürgen Mutze (Tanzmeister), Dietrich Greve (Harlekin), Piotr Bednarski (Scaramuccio), Thomas Mäthger (Truffaldin), André Riemer (Brighella), Ute Baum, Regina Köbler und Kerstin Randall (Nymphen) und weitere Akteure überzeugend.
Die Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz beweist auch in diesem über weite Strecken kammermusikalischen Werk ihr beachtliches Gestaltungsvermögen. Ihr Chef Niksa Barezza führt sie temperamentvoll und sicher, wenn auch manche Phase noch differenzierter erklingen könnte. Nachdem die Premiere nicht ausverkauft war, spricht sich hoffentlich in Chemnitz und Umland, aber auch weitergehend herum, dass sich der Besuch dieser Inszenierung lohnt. Immerhin waren schon einige Busse von auswärts da, so auch weit ...
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