Klassenkampf in der ARD

Netzwoche

  • Jürgen Amendt
  • Lesedauer: 2 Min.

Klassenkampf bei den »Tagesthemen« in der ARD. Am 10. Juli sendete die Nachrichtensendung des Ersten einen Beitrag mit dem Titel »Landflucht nach Leipzig«. Es ging um die Mietpreisentwicklung in der sächsischen Metropole und die ungleichen sozialen Verhältnisse in den Wohnvierteln der Stadt. Zur Veranschaulichung wurde eine Familie vorgestellt - eine Akademikerin mit Sohn, die in einem der besseren Quartiere leben. Der Sohn wird nach den Sommerferien aufs Gymnasium wechseln, hat allerdings keinen Platz an der höheren Schule des Viertels erhalten, sondern muss in eine einige Kilometer entfernte Lernanstalt. Die liegt in einem »Arbeiterviertel«, wie sich die Mutter vor der Kamera empört. Das sei untragbar, findet sie, und ihr Sohn pflichtet seiner Mutter bei - er beschwert sich, dass sein künftiger Schulweg durch ein »Assi-Viertel« führe.

Der Beitrag hat viele Zuschauer empört. Von einem »Klassenkampf in der ARD« war u.a. die Rede. Der Sender hat mittlerweile reagiert - indem er den inkriminierten Beitrag am 18. Juli aus seinem Netzangebot genommen und auch vom YouTube-Kanal der »Tagesthemen« entfernt hat. Gegenüber dem Medienportal meedia.de begründete ein ARD-Sprecher dies mit persönlichkeitsrechtlichen Gründen. »Eine oder mehrere Personen, die in dem Beitrag vorkommen, haben das Video nur zur einmaligen TV-Ausstrahlung freigegeben oder nachträglich die Rechte für die Online-Nutzung entzogen.«

Hintergrund für die Löschung des Beitrags könnte ein Offener Brief sein, den der Blogger Tino Seber an die ARD geschrieben und in seinem Weblog tinoseeber.de veröffentlicht hatte. Seber empört sich vor allem darüber, dass der Beitrag mit dem eigentlichen Thema der Mietpreisentwicklung und der Landflucht gar nichts zu tun gehabt habe. Vielmehr habe die »Tagesthemen«-Redaktion der Mutter (»stilecht mit Klavier im Wohnzimmer«) ein Podium für den Klassenkampf von oben gegeben. »Ich möchte, dass mein Sohn die beste und eine allumfassende Ausbildung erhält«, zitiert Seber die Mutter. »Liebe Tagesthemenredaktion, wie kann ein solcher Beitrag ausgestrahlt werden?«, fragt er in seinem Brief. »Warum gebt Ihr solchen Leuten ein Forum? Und was hatte das Ganze mit der Mietpreiserhöhung zu tun? Viele Menschen haben sich über diesen Beitrag in den sozialen Netzwerken beschwert und ich bitte daher um eine Stellungnahme.«

Eine solche hat Seber nach eigenem Bekunden auch nach mehrmaligem Nachfragen bislang nicht erhalten.

Das Video findet sich allerdings trotz Löschung durch die ARD weiter im Netz; u.a. hat rauskucker.de den Beitrag auf YouTube hochgeladen. Der gut fünfminütige Report findet sich aber auch auf Tino Sebers Seite.

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