Murmeltiertag!
»Konkret« und »junge Welt« werden hübscher
Alles neu macht der »Relaunch«, die »Erneuerung«. Bei der Tageszeitung »junge Welt« hat man, wie es im Blatt heißt, »Grafik und Struktur weiterentwickelt«: Im Zeitungskopf, dessen Buchstaben eine Spur niedriger und fülliger geworden sind, sowie in den Überschriften und Bildunterzeilen hat man die Typografie ausgetauscht. Die alte Typografie mit ihren eleganten, schlanken Buchstaben hat ausgedient. Auf den ersten flüchtigen Blick sieht der veränderte Titelkopf konventioneller aus. Was die Gestaltung und Anordnung der Seiten angeht, hat sich nichts verändert. Nur der unter dem Ressorttitel »Thema« firmierende, lange Geschichts- und Politriemen wurde hinters Feuilleton verschoben, so, dass man die Doppelseite jetzt herausnehmen kann.
Einmal ganz abgesehen davon, ob man nun den Stammtisch-Antiimperialismus der Zeitung immer teilt: Was an dem der DKP nahestehenden Blatt rein oberflächenästhetisch und formal gesehen angeblich so modern und fortschrittlich ist, erschließt sich nach wie vor nicht, insbesondere wenn man die teils vor revolutionärem Optimismus strotzenden Überschriften liest: »Neue Herausforderungen«, »Mut durch Mobilisierung«, »Gegenwind für Hartz-IV-Reform«, »Klarer Standpunkt«. So kann der Stammleser bei seiner Lektüre die geballte Faust gleich mitdenken und sich auf der richtigen Seite wähnen. Von Pluralismus und Kontroverse ist da nicht allzu viel zu bemerken. Inhaltlich bleibt bei der »jungen Welt«, die ein stark simplifiziertes Marxismusverständnis kultiviert, alles beim alten Schwarzweißschema: gegen die USA, gegen »die da oben«. Was einem bei der täglichen Lektüre der Zeitung eine Art Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Gefühl gibt. Oder, wie es Chefredakteur Arnold Schölzel auf den zwei als »Gespräch« mit seinem Geschäftsführer getarnten Eigenreklameseiten formuliert: »Inhaltlich stellt sich die ›junge Welt‹ nicht neu auf.« Selbst die hauseigenen Erfolgsmeldungen werden in demselben kinderstolzen Ton vorgetragen, in dem früher die Übererfüllung der Ziele des Fünfjahresplans gemeldet wurde (»Mit über 17 000 Exemplaren täglich erreicht dort die ›junge Welt‹ eine Präsenz am Kiosk wie noch nie in den letzten 25 Jahren«).
Als Symbol ihres Relaunchs hat die »jW« den Satelliten »Sputnik« gewählt. Das darf wohl als Hinweis verstanden werden, dass man sich auch künftig eher als sowjetnostalgische Identitätszeitung begreift denn als offenes, kritisches, modernes linkes Blatt. Nur online hat man einiges aufgehübscht, indem man, darin offenbar der »taz« nacheifernd, versucht hat, größere Übersichtlichkeit herzustellen. Gleichzeitig will man, um eine jüngere Leserschaft anzusprechen, auf den bisher eher vernachlässigten sozialen Netzwerken Facebook und Twitter mehr als bisher präsent sein. Man müsse das »Produkt auch gut platzieren in diesem kapitalistischen Markt«, sagt Dietmar Koschmieder, der Geschäftsführer.
Auch das traditionsreiche linke Hamburger Monatsmagazin »Konkret« wurde grafisch behutsam modernisiert. Dort dominiert seit der Oktober-Ausgabe ein »neues Schriftbild« und ein »überarbeitetes Design«, wie es im Editorial heißt: hier ein bisschen mehr Weißraum, dort ein paar kleinere Neuerungen. Und die kleinen Autorenporträts neben Meinungsbeiträgen stammen alle vom selben Zeichner: Leo Leowald (»Zwarwald«). Doch braucht man bei »Konkret« wohl auch künftig keine Angst davor zu haben, Günter-Grass-Gedichte lesen zu müssen.
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