Meschen und Kapital
Im Kino: »Die süße Gier«
Gier spielt eine zentrale Rolle in dieser italienischen Adaption eines Romans von US-Autor Stephen Amidon. Opportunismus, kühles Kalkül und gnadenlose Rücksichtslosigkeit herrschen in einer Gesellschaft von Aufsteigern, Zockern, Bauernfängern und Kriegsgewinnlern. Wobei es zu unterscheiden gilt (aber dann auch wieder nicht allzu sehr) zwischen denjenigen, denen der Aufstieg absehbar ohnehin nie gelingen wird, und denen, die inzwischen nicht mehr vorrangig das eigene Geld, sondern das Vermögen der anderen mit ihren riskanten Geschäften verspielen. Und damit am Ende auch noch reüssieren.
2004, als Amidons Roman »Human Capital« erschien, wurde »Humankapital« in Deutschland gerade zum Unwort des Jahres gewählt. Film und Buch gebrauchen den Begriff in seinem versicherungstechnischen Sinn, als die bezifferbare Summe dessen, was ein Mensch wert ist, beurteilt nach seinem individuellen Ausbildungs- und Verschleißzustand, der Dichte und Qualität seiner persönlichen Beziehungen, seiner theoretischen Lebenserwartung und dem daraus abzuleitenden Lebensarbeitsverdienst. Relevant wird so ein Kalkül immer dann, wenn es gilt, die Höhe von Schadenersatzzahlungen festzulegen. Zu Beginn des Films wird einer überfahren, der sonst keine große Rolle mehr spielt in den ausführlichen Rückblenden, die auf Unfall und Fahrerflucht folgen. Trotzdem schwebt sein Tod wie ein Damoklesschwert über der weiteren Handlung. Wie viel wird es kosten, einen Verdächtigen von jedem Verdachtsmoment zu reinigen?
In einem Vorspiel, drei Kapiteln aus der Sicht wechselnder Figuren und einem Epilog erzählt Paolo Virzì die strukturell veränderte und dabei überzeugend italianisierte Romangeschichte von den Reichen und den weniger Reichen, die aber auch gern »dazugehören« würden und dafür das Risiko eines finanziellen und emotionalen Totalschadens billigend in Kauf nehmen – solange er nur nie passiert. Fabrizio Bentivoglio (unter Horst-Schlämmer-Perücke) spielt einen finanziell dahinkrebsenden Mittelständler, dessen zweite Frau (Valeria Golino, warmherzig und nichtsahnend) schwanger ist. Derweil trennt sich seine Tochter aus erster Ehe (Matilda Gioli) gerade von einem Mitschüler aus reichem Elternhaus, dem Sohn eines risikofreudigen und sichtlich erfolgreichen Hedgefonds-Managers (Fabrizio Gifuni) und seiner von so viel Geld bei so wenig Inhalt permanent überforderten Ehefrau (Valeria Bruni Tedeschi, privat ist sie – aber das ist ihr ja nicht anzulasten – Nicolas Sarkozys Schwägerin).
In Amidons Buch waren es die wirtschaftlichen Verheerungen des 11. September, von denen man profitierte, ohne groß drüber zu reden. Dass es bei dem renditeträchtigen Projekt, das der Finanzjongleur im Film gerade laufen hat – und in das der kleine Makler bald mehr als sein gesamtes Hab und Gut investieren wird – um eine Wette auf den baldigen italienischen Staatsbankrott geht, ist eine bittere Pointe, die der Film nach viel hektischer Action um den fahrerflüchtigen Unfallverursacher allerdings beinahe verschenkt.
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