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Synergieeffekte?

  • Jürgen Amendt
  • Lesedauer: 3 Min.

Wann ist eine Redaktion in ihrer Unabhängigkeit bedroht? Das ist eine Frage, die sich Journalisten immer wieder stellen müssen.« - Mit diesem Satz beginnt Alexander von Streit, Chefredakteur des Journalistenkollektivs Krautreporter seine Stellungnahme »In eigener Sache« auf krautreporter.de. Das Online-Magazin hat sich bei seiner Gründung im Oktober letzten Jahres die Unabhängigkeit ganz groß auf die Fahnen geschrieben. Finanziert wird es durch kleinere und größere finanzielle Beiträge von Lesern, auf Werbung verzichtet man bewusst. Journalisten sollen, so der eigene Anspruch, ihre Geschichten unbeeinflusst von möglichen Einflüsterungen recherchieren und aufschreiben.

Soweit die Theorie. In der Praxis reicht das Geld, das man für unabhängigen Journalismus erhält, den freien Reportern in der Regel nicht zum Lebensunterhalt. Deshalb haben einige ein zweites Standbein in der Öffentlichkeitsarbeit für Verbände, Vereine, Lobbygruppen, Parteien etc. pp. Auch Danijel Višević lebt nicht vom Brot alleine, das er bei den Krautreportern verdient. Er arbeitet vier bis fünf Tage in der Woche als freier Mitarbeiter für das Bundespresseamt und produziert dort das Videoformat »Die Woche der Kanzlerin« mit. Problematisch daran ist, dass Višević für die Krautreporter eine Reportage über die Traumata geschrieben hat, die Kriegseinsätze bei Bundeswehrsoldaten auslösen können. Positiv formuliert: Višević hat sogenannte Synergieeffekte genutzt.

Dass dies zu einem Interessenskonflikt führen kann, sieht mittlerweile auch Alexander von Streit ein. »Eine dauerhafte Tätigkeit für das Bundespresseamt überschneidet sich mit fast allen Themen, die wir bearbeiten«, schreibt er in seiner Stellungnahme. Wie »viele freie Journalisten auch«, habe »unser Spezialist für Kriegsfolgen und Start-ups, Danijel Višević, (...) einen Job in der Öffentlichkeitsarbeit«. Nach den Diskussionen habe Višević allerdings entschieden, seine Tätigkeit für die Krautreporter ruhen zu lassen, solange er für das Bundespresseamt tätig sei. Außerdem gebe es ab sofort eine Aufstellung, welcher der Journalisten des Magazins weitere Einkommen beziehe.

Einige Etagen höher, dort, wo sich manche Medien gerne als sogenannte Leitmedien bezeichnen, ist man bei der Gestaltung der Synergieeffekte schon einen Schritt weiter. Auch auf welt.de wurde dieser Tage eine Stellungnahme »In eigener Sache« veröffentlicht. »Sieben führende europäische Tageszeitungen, darunter die ›Welt‹«, heißt es einleitend, »haben sich zu einer Allianz zusammengeschlossen«. Unter dem Titel »Leading European Newspaper Alliance« (Lena) werde die Zeitung künftig redaktionelle Inhalte mit »El País« (Spanien), »La Repubblica« (Italien), »Le Figaro« (Paris), »Le Soir« (Belgien) sowie dem »Tages-Anzeiger« und der »Tribune de Genève« (beide Schweiz) austauschen. Man braucht sich also nicht zu wundern, wenn künftig die Leser der »El País« und die von Springers »Welt« den gleichen Einheitsbrei zu lesen bekommen.

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