Daft Punk für die Freaks

Squarepusher beehrte das Friedrichshainer Berghain

  • Simon Poelchau
  • Lesedauer: 2 Min.
Am Donnerstag öffnete das ehemalige Heizkraftwerk hinterm Friedrichshainer Ostbahnhof seine Türen für Normalsterbliche - insofern sie eine Karte für das ausverkaufte Konzert von Squarepusher alias Tom Jenkinson ergattern konnten.

Willkommen im Berghain, dem angeblich besten Techno-Club der Welt. Es ist der Club, in den die Büroangestellten und Erasmusstudenten der Welt auf ihrem Partytrip nach Berlin alle rein wollen und es nach stundenlangem Warten in der Schlange meist nicht schaffen. Es ist der Club, den gemeine Berliner entweder zu ihrem zweiten Zuhause erkoren haben oder meist einfach ignorieren, wenn sie nicht so sehr auf chemische Drogen, arrogante Türsteher und überlange Warteschlangen stehen.

Am Donnerstag öffnete das ehemalige Heizkraftwerk hinterm Friedrichshainer Ostbahnhof seine Türen für Normalsterbliche - insofern sie eine Karte für das ausverkaufte Konzert von Squarepusher alias Tom Jenkinson ergattern konnten. Wer nicht weiß, wer das ist: Jenkinson ist quasi der beste Kumpel von Richard D. James, auch als Aphex Twin bekannt. Die beiden englischen Musiker stehen seit den 1990er Jahren für die etwas andere Gangart der elektronischen Musik. Manche nennen sie Drill ’n’ Bass oder Intelligent Dance Music (IDM), und jene, die mit dieser Musik nichts Anfangen können, schlicht Kakophonie.

Es ist die Musik jener Elektrojünger, die schon mit dem klebrigen 1990er-Pop-Techno von Low Spirit nichts anfangen konnten und denen irgendwann auch Drum ’n’ Bass zu geradlinig wurde. Es ist die Musik jener Nicht-So-Coolen, die keinen Bock auf ihre Mitschüler hatten und sich nicht nur heimlich mit dem Nachbarssohn aus American Beauty identifizierten, der gegen seinen faschistoiden Vater rebelliert, indem er Dope verkauft, im Wind herumwirbelnde Plastiktüten filmt und am Ende mit Kevin Spaceys Tochter durchbrennt.

Diesen Freaks, die mittlerweile erwachsen sind, die der massentaugliche Sound von Daft Punk aber immer noch nicht ganz befriedigen kann, lieferte der Quadratschubser einen fulminanten Abend. Allein schon das erste Lied war ein wahrer Squarepusher, in dem es schier unmöglich war, den Beat zu finden. Danach wurde es zunächst etwas straighter, anfangs vielleicht futuristisch und leicht unterkühlt, dann mal düster, mal melancholisch und mal raveig. Doch nie wurde es richtig geradlinig. Wenn mal ein Vierviertel-Takt-Gehämmere zum Zuge kam, wurde es gleich von klassischen Amen-Breaks und in die Luft zwirbelnden Snares abgelöst. Wer glaubte, dass Squarepusher nur ein Nerd hinterm Rechner ist, wurde jedoch eines Besseren belehrt. Am Ende packte er nämlich noch seinen sechssaitigen E-Bass aus und zeigte, welch genialer Musiker er ist.

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