Verblendete Mächtige

Ernesto Cardenal und seine »Psalmen«

  • Peter Arlt
  • Lesedauer: 3 Min.

Als sich der Union-Verlag 1983 entschloss, das Buch »Lateinamerikanische Psalmen« von Ernesto Cardenal (1925) mit Genehmigung des Jugenddienst-Verlags Wuppertal herauszubringen, beauftragte er Winfried Wolk, den Band mit Bildern auszustatten. Der Schweriner Künstler hielt in seinem Erinnerungsbuch (Kerber Verlag 2014) fest: »Cardenal hatte die biblischen Psalmen umgedeutet, hatte heutige Texte daraus gemacht, die dadurch eine unglaublich aktuelle Brisanz erhielten. Da las ich im Psalm 4: ›Wie lange wollt ihr, Machthaber, in eurer Verblendung beharren? Wann hört ihr auf, (...) Propagandaphrasen zu dreschen?‹ und glaubte, meinen Augen nicht zu trauen (...) dass ich nicht glauben konnte, dass dieses Buch überhaupt erscheinen würde.«

Das von Cardenal Ersehnte schien dem Politbüro mit der DDR erreicht zu sein, was jene bezweifelten, die aus der lateinamerikanischen Befreiungstheologie Hoffnung schöpften. Bekräftigt vom Bildvokabular Wolks, das politische Satire bietet, die einen Propagandisten zu einem Gnom mit aufgerissenem Schlagwortmaul schrumpfen lässt. Wolk erhielt beim Grafikwettbewerb der SED immerhin einen dritten Preis. 1986 erschien das Buch in einer kleinen Auflage, mit originalen Aquatintaradierungen und gestaltet von Gert Wunderlich (Leipzig) mit in »Walbaum« und »Maxima« und verschiedenen Zeilenabständen gesetzter Schrift. 1987 wurde es zu einem der schönsten Bücher der DDR gekürt und bekam 1989 auf der internationalen Buchkunstausstellung in Leipzig eine Bronzemedaille. Die politischen Bedenken der Zensur brockten der Offsetdruck-Ausgabe sechs Wartejahre ein. Zur »Wende« ging der größte Teil der Auflage ins Altpapier, aber kann in Antiquariaten bestellt werden.

Ernesto Cardenal schrieb die Lateinamerikanischen Psalmen 1961-65 und 1972, als der Sieg der sandinistischer Revolution »geträumte Hoffnung« war, wie es im Nachwort steht. Er nutzte die Formen der Psalmendichtung und setzte in freier Weise und Gegenwartssprache aktuelle Geschehnisse zu den alten biblischen Botschaften, die er mit modernsten Erkenntnissen der Astronomie und Naturkunde erweiterte. Aus dem Psalm-Vers »Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen« (Ps. 1, 1) wurde »Selig der Mensch, der den Parolen der Partei nicht folgt«; aus »die da sagen: Unsere Zunge soll Oberhand haben« (Ps. 12, 5) wurde »Sie sagen: Mit uns die Propaganda! Durch sie werden wir herrschen!« Aus »Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen? (...) Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und Verachtung des Volks« wurde »Mein Gott, mein Gott - warum hast Du mich verlassen? Ich bin zur Karikatur geworden, das Volk verachtet mich. Man spottet über mich in allen Zeitungen«. Dazu fand Winfried Wolk ein berührendes, in zarten Grautönen gezeichnetes Antlitz, verdreht und mit zerschlagener Brille.

Die Bitte an Gott, die Bewunderung seiner Kraft schlägt einmal sogar um in Kritik an ihn: »Jetzt aber hast Du uns verlassen, hast ihre politischen Systeme gefestigt.« Das geht zurück auf den Psalm-Vers »Warum verstößest du uns denn nun und lässest uns zu Schanden werden (...) Erwecke dich Herr! wache auf und verstoße uns nicht so gar!« (Ps. 44, 10, 24). Und für das biblische »Höret zu, alle Völker« des Psalm 49 findet Cardenal klare Worte: »Weshalb sollte ich mich vor jenen fürchten, die ihr Vertrauen in Banken setzen«, und fordert alle Unterdrückten auf, standzuhalten, wenn auch »vom Haß diktiert ist alles Reden über uns«. Eine immer noch bewegende Ermutigung.

Während Ernesto Cardenal 1983 Johannes Paul II. mit erhobener Faust grüßte und dieser mit dem Finger zurückdrohte, dürften sich fiktiv er und der heutige Papst Franziskus, der den Kapitalismus als »an der Wurzel ungerecht« geißelt, übereinstimmend begegnen.

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