»Das bestreitet doch keiner!«
Parlamentsdebatte in Erfurt über die verbrecherische Rolle der Hitler-Wehrmacht
In der alten Bundesrepublik hielt sich über Jahrzehnte hinweg die Vorstellung, die Verbrechen des NS-Regimes seien ausschließlich von der SS und deren Kollaborateuren verübt worden. Die Wehrmacht als reguläre Streitmacht hat sich diesem Mythos nach nicht daran beteiligt. Erst mit der Wehrmachtsausstellung ab 1995 wurde in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit bekannt, wie tief auch Millionen Wehrmachtssoldaten in die Verbrechen Nazi-Deutschlands verstrickt waren. In der DDR gab es keinen direkt vergleichbaren Mythos. Dort wurde aber die Tatsache, dass Millionen DDR-Bürger ehemalige Wehrmachtssoldaten und damit mögliche Täter waren, ausgeblendet: indem sie totgeschwiegen wurde. Nach der offiziellen SED-Lesart war die Masse alle Kriegsverbrecher in die alte Bundesrepublik geflüchtet.
Bei der Landtagsdebatte in Erfurt ging es darum, ob der 8. Mai in Thüringen künftig ein Gedenktag sein soll. Nachdem die Linke Katharina König darauf hingewiesen hatte, die Wehrmachtsausstellung habe gezeigt, dass der Mythos von der sauberen Wehrmacht nicht mehr zu halten sei, hatte der CDU-Mann Mike Mohring in einem Zwischenruf gesagt: »Das sind doch nicht automatisch alles Verbrecher! Genau das Gegenteil! Sie machen aus einer ›sauberen Wehrmacht‹ eine ›Verbrecherwehrmacht‹.« Weil die Anführungsstriche bei »saubere Wehrmacht« und »Verbrecherwehrmacht« während des Zwischenrufs nicht zu hören waren, bestand Mohring darauf, dass sie ins Protokoll aufgenommen wurden. Er habe diese Worte als Zitate benutzt.
Nachdem König erneut darauf hingewiesen hatte, an wie vielen Verbrechen die Wehrmacht beteiligt war, rief Mohring: »Das bestreitet doch keiner!« Später teilte er mit: »Die Wehrmacht war während des Zweiten Weltkriegs in erheblichem Umfang an Kriegsverbrechen beteiligt. Deshalb ist die saubere Wehrmacht ein Mythos. Man kann jedoch genauso wenig alle Soldaten der Wehrmacht zu Verbrechern erklären und sie pauschal als Verbrecherwehrmacht einordnen.« sh
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