Doch fürs Leben lernen

Im Leipziger Technologiezentrum »GaraGe« können Hauptschüler ihre Stärken finden

Vor einem Industriedenkmal der vergangenen Jahrhundertwende steht der überdimensional große Schriftzug des Technologiezentrums für Jugendliche »Garage«. Das Gebäude mit den riesigen Fenstern ist lichtdurchflutet. Die Einrichtung ist modern und lädt Jugendliche zum Wohlfühlen ein. Die »GaraGe« ist Museum und gleichzeitig Ort des bewussten Lernens. Immer montags und freitags kommt jeweils eine Klasse einer Hauptschule zum Unterricht. Von 9 bis 15 Uhr müssen die Jugendlichen aber nicht die Schulbank drücken, sondern sich ein Themengebiet selbst erarbeiten.

Ziel: Weniger Schulabbrecher
Freitags kommt immer die Hauptschulklasse der 94. Mittelschule in Leipzig-Grünau. Das drittgrößte Neubaugebiet Deutschlands am westlichen Stadtrand Leipzig ist ein sozialer Brennpunkt mit hoher Arbeitslosigkeit und geringen Zukunftsperspektiven. Die meisten jungen Leute ziehen entweder näher an den Stadtkern oder ganz aus Leipzig weg.
Die Freitagsklasse wird in zwei Hälften geteilt. Die einen werden in die Metallbearbeitung eingeführt, die anderen in die Holzverarbeitung. Die Begeisterung der 15- bis 17-Jährigen hält sich in Grenzen. Viele von ihnen sitzen mehr oder weniger teilnahmslos vor den Dozenten. Die mühen sich ab, den Jugendlichen ihren persönlichen Fachbereich näher zu bringen. »Zu Beginn eines neuen Berufsfeldes gibt es durch den Dozenten eine Einführung, die je nach Aufnahme und Motivation der Schüler vertieft wird. Der Rest des Blockes ist praktisches Arbeiten, während dessen den Schülern versucht wird, Theorie bei der Arbeit zu vermitteln«, erklärt Antje Oettel, die Assistentin der Projektleitung. Aufgehen will dieser Plan heute nicht so recht. Zwei Jungen kippeln mit ihren Hockern, machen Witze über den Dozenten und scheinen mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein. Bis dem - schon etwas in die Jahre gekommenen - Tischler der Geduldsfaden reißt: »Als ich so alt war wie ihr, hätte es das nicht gegeben. Da bin ich gerade zur Armee gekommen. Da war Schluss mit lustig.« Die Wirkung dieser kleinen Ansprache geht gegen null. Erst als die Lehrerin die beiden auseinandersetzt, sind sie ruhig. »Normalerweise geht das Arbeiten konzentrierter von der Hand, weil es mal was anderes ist«, sagt Oettel.
Ziel dieses Pilotprojektes ist es, die Zahl der Schüler zu verringern, die vorzeitig die Schule abbrechen. In erster Linie sollen damit besonders leistungsschwache Hauptschüler erreicht werden. »Die Jugendlichen sollen wenigstens ihren Hauptschulabschluss machen. Die Schüler brauchen viel Förderung und Motivation und die Möglichkeit, sich im positiven Sinne zu behaupten. Wenn das kontinuierlich gemacht wird, kann sich in vielen Fällen auch was bewegen«, sagt Oettel. Das ist auch dringend notwendig: Im Schuljahr 2004/2005 verließen 9,2 Prozent der Absolventen die Schule ohne einen qualifizierten Abschluss. Vor sechs Jahren lag diese Quote zwar noch bei 11,9 Prozent, dafür zeigen heute viele der 14- bis 16-Jährigen weniger Willen zu einem Abschluss als je zuvor.
Man habe schon recht bald gemerkt, dass viele der Schüler schon nach fünf bis zehn Minuten abschalten und nicht mehr zuhören, erklärt Oettel. Deshalb beschränkt sich auch diesmal die Einführung nur auf eine knappe viertel Stunde. Sie fügt hinzu: »Die Konzentrationsfähigkeit vieler ist sehr gering. Aber am Schulalltag gemessen, sind die Pausen relativ straff gehalten, sie sind fast schon an einen Ausbildungsalltag angepasst«.
Auch Heiko Helm, Dozent im Technologiezentrum und freiberuflicher Metallbildner aus Dresden, kennt das Problem: »Meine Eindrücke von den Klassen, die bis jetzt da waren, sind ganz unterschiedlich. Es gibt welche, die sind voll dabei, weil es sie wirklich interessiert. Andere machen einfach nur mit, weil am Ende was davon auf dem Zeugnis steht und wieder andere, vielleicht ein Drittel, interessiert das hier gar nicht.« Aber Schüler, die in der Metallverarbeitung ihre Wunschausbildung gefunden haben, hatte er noch nicht. »Ich kann ihnen in drei Wochen nicht alle Feinheiten des Metalls zeigen. Wenn man für einen Bereich mehr Zeit hätte, könnte man bestimmt noch mehr Interessen wecken«, sagt Helm.
Diese Idee steht auch hinter dem Hauptschul-Projekt. Es soll den Jugendlichen helfen, eine Perspektive in einem regulären Schulbesuch zu sehen und eine Orientierung bei der künftigen Berufswahl bieten. »Wir können natürlich keine Garantie geben, dass die Schüler nach den Monaten hier eine Lehrstelle bekommen. Aber wir sorgen für eine bessere Motivation der Jugendlichen in der Schule«, so die studierte Kommunikationswissenschaftlerin Oettel. Tatsächlich seien die Rückmeldungen der Schulen positiv. Der gleichen Meinung ist auch Heiko Helm. »Vor allem Schüler, die in der Klasse nicht im Mittelpunkt stehen, bekommen durch die Kurse mehr Selbstbewusstsein. Wenn sie sehen, dass ihr Werk genauso gut oder sogar noch besser als das der anderen ist, dann gibt das Auftrieb. Auch für einen besseren Abschluss.«

Ein gut bezahlter Job und eine eigene Familie
Einige Wochen vor den Sommerferien war es dann soweit: Die gefürchteten Prüfungsergebnisse waren da. Die 16-jährige Romy sieht ihre Fähigkeiten in dem Fach Deutsch: »Alles andere ging so, aber Deutsch war ziemlich gut - für meine Verhältnisse zumindest.« Das Lieblingsfach von Stefan, 17, war Mathe. Dort konnte er die meisten Erfolge feiern. »Ich will ja auch in die Fahrzeugtechnik einsteigen. Dazu braucht man nämlich mehr Mathe, als viele denken.« Gelernt haben sie das in einem Projektnachmittag mit Porsche, eines der Partnerunternehmen des Technologiezentrums »GaraGe«. Die Frage nach Zukunftswünschen löst allgemeines Schulterzucken aus. Nur sehr zaghaft kommen Vorstellungen zum Vorschein, die normaler nicht sein könnten. Jessica würde gerne ihren Realschulabschluss auf der Abendschule nachmachen und nach ihrer Lehre einen Job finden. Auch Stefan möchte ...

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