Nachtschichten kloppen
... und sich unaufgeregt durch postmigrantische Realitäten bewegen: Matthias Dell über den Berliner Tatort »Ätzend«
Das hat er nun davon. Dem »Tatort« ist sein Erfolg zu Kopf gestiegen. Er muss sich jetzt dauernd beweisen, dass er noch bedeutungsvoller ist als sowieso schon, wo außer dem Fußball im deutschen Fernsehen doch nichts heranreicht an seine in Zuschauerzahlen hochzurechnende Beliebtheit. Man kann das auch positiv sehen mit dem Erfolg, and so we do, weil Konkurrenz das Geschäft belebt.
Gleichzeitig hat die ewige Optimierung etwas Mühsames; so wie man dem alert-fitten Politikerkonzernchefführungsmenschen von heute trotz grandioser Marathonzeit die Arbeit am Selbst eben auch als Druck von außen ansieht.
Mühsam heißt beim zweiten Fall des Berliner Teams, dass am Anfang in nicht so schickem Schwarzweiß das Was-bisher-geschah vom Erstfall aus dem März dieses Jahres in Erinnerung gerufen werden muss, das in der Folge »Ätzend« (RBB-Redaktion: Josephine Schröder-Zebralla, Degeto-Redaktion: Birgit Titze) noch von Bedeutung sein wird. Also die dunkle Seite von Karow (Mark Waschke), die sich durch die ersten Folgen des neuen Berlin ziehen soll und auf die man schaut wie die gütige Mutter aufs in seinen Fantasiewelten spielende Kind: Wenn’s Spaß macht, bitte sehr.
Thrilling ist die Vorstellung, dass Karow kein Guter sein könnte, bislang nämlich nicht; dagegen spricht doch schon die Besetzung als »Tatort«-Kommissar: Das sind die Guten, selbst wenn sie sich danebenbenehmen wie der Großverzweifelte Homo Faber in Dortmund. Karow benimmt sich in »Ätzend« (Drehbuch: Stephan Wagner, Mark Monheim, Regie: Dror Zahavi) allerdings schon besser als beim ersten Mal, das sozial Dysfunktionale aus der Figurenidee schleift sich in den Realität neuer Drehbücher ab. Für Akzente sorgt die Praktikantin Anna Feil (Carolyn Genzkow), die Nachtschichten kloppt wie sonst nur im Kunstbetrieb oder Bankerwesen.
Das Maihack - wie wir den fortlaufenden Stress, der Karow erwächst aus dem Tod seines einstigen Partners Maihack, einmal nennen wollen - hilft dem Berliner »Tatort« eine Doppelbelastung über, die an die Grenzen des Formats rührt: Der »Tatort« ist ja Reihe - wie lässt die sich als Serie, eben fortlaufend und nicht nur immer wieder neu - erzählen? »Ätzend« entscheidet sich für eine Variante, die gütigen Eltern gefallen sollte. Es gibt einfach zwei Leichen auf der Baustelle, auf der ein Bauarbeiter so titelwirksam von Chemikalien getroffen wird - eine für jetzt (die aktuelle Folge), die andere für später (das Maihack).
Die Leiche für jetzt führt zu einem iranischstämmigen Zahntechniker (ist das die Ersterwähnung dieses stolzen Berufsbilds im »Tatort«?), der am Ende von Echtheit vermittelnden Informationsinserts abgeschoben wird. Kunstethisch wirkt das etwas bedenklich, eben weil solche Inserts normalerweise über den Fortgang des Lebens von realen Figuren über die Filmhandlung hinaus berichten, erzählerisch scheint es etwas effekthascherisch: Wenn das Abschieben als Kollateralschaden der Ermittlungen von Karow und Rubin (Meret Becker) vorgeführt wird, dann wären doch ein paar Details über die bürokratisch-diffuse Asylpraxis hilfreich gewesen.
Auf den Effekt scheint bislang auch noch das jüdische Leben in der Rubin-Familie aus zu sein. Wie der jüngere Sohn (Louie Betton) seine Bar-Mitzwa-Teilnahme beantragt und vom Rabbi (Yehuda Almagor) Grünes Licht bekommt, das bleibt dem Film so paritätisch-äußerlich wie ein Programmfenster im Deutschlandfunk (»Schalom - Jüdisches Leben heute«, jeden Freitag, 15.50 Uhr).
Dabei scheint die Stärke des neuen Berliner Teams gerade darin zu liegen, dass es von der - für deutsche Verhältnisse - doch großen kulturellen Vielfalt der Stadt Gebrauch macht (Kamera: Gero Steffen). Also nicht nur in Kreuzberg »Vitalität abschöpfen« (Max Linz), wenn mal in der Community ermittelt werden muss, sondern eine Ärztin im Krankenhaus mit Yvonne Yung Hee Bormann besetzen. Sich unaufgeregt durch daueranwesende postmigrantische Realitäten zu bewegen, könnte genauso markenbildend sein wie der Sex von Nina Rubin an allen Orten außer dem eigenen Bett als Running Gag in jeder Folge: Auf die Clubbrache aus »Das Muli« folgt diesmal das Auto. Da hat die Autorenfantasie alle Möglichkeiten.
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