Gern mit ein bisschen Pathos

MEINE SICHT

  • Elsa Koester
  • Lesedauer: 2 Min.

Das mit dem 1. Mai ist so eine Sache. Um kaum ein Datum wird in der radikalen Linken so viel gestritten, gezerrt, gezetert und genörgelt. »Mit dem 1. Mai ist kein Blumentopf zu gewinnen«, sagte einmal ein Aktivist. Schon klar: Die einen latschen morgens verantwortungsbewusst ihre gewerkschaftliche Pflichtroute ab, die anderen zerstreiten sich über Sinn und Unsinn revolutionärer Militanz auf den Straßen Kreuzbergs. Und am Ende schreien sie alle, dass die politischen Inhalte verloren gegangen sind.

Welche wären das? Den Gewerkschaften geht es um vieles: Keine Spaltung zwischen Geflüchteten und alteingesessenen Lohnabhängigen, also keine Ausnahmen beim Mindestlohn, und ein bisschen mehr Rente und weniger Geschlechterungleichheit. Dem Myfest geht es ums Saufen oder darum, den Boden zu halten (»Hold your ground«), was jawohl gelungen scheint. Denn die Revolutionäre 1. Mai-Demo darf wegen des Festes wieder nicht nach Kreuzberg 36 und macht der Polizei deshalb eine Kampfansage. Und inhaltlich? Wurde im Bündnis wohl am meisten über die Gruppe »F.O.R. Palestine« gestritten, die für Israel und Palästina eine Einstaatenlösung fordert und der Antisemitismus vorgeworfen wird. Und mit einer Diskussion über Israel und Palästina, nun ja, damit ist wirklich kein Blumentopf zu gewinnen.

Szenebrei am 1. Mai? Nur scheinbar. Denn wer zwei Schritte aus dem linksradikalen Streitsumpf und gewerkschaftlichen Bratwursteln heraus tritt, sieht den 1. Mai in voller Pracht: Von morgens bis abends gehören die Straßen denen, die eine Stadt für alle wollen. Den 1. Mai hat die Linke für sich gewonnen und alle, die an dem Tag ungestört feiern und demonstrieren, tun es unter der Frühlingssonne der Solidarität. Der Blumentopf ist längst in linken Händen, an diesem einen Tag im Jahr. Das kann man gern feiern. Mit ein bisschen Pathos.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.