Lehrer vor dem Burnout: Letzte Option Reißleine

Lehrkräfte klagen mehrheitlich über schlechte Arbeitsbedingungen. Vielen bleibt nur Teilzeit

»Resignation und Hoffnungslosigkeit«: Viele Lehrkräfte sind frustriert von ihrem Berufsalltag.
»Resignation und Hoffnungslosigkeit«: Viele Lehrkräfte sind frustriert von ihrem Berufsalltag.

Stress ist für Ralf Schäfer Alltag. »Man hat so gut wie keine Pausen«, sagt der Lehrer für Geschichte und Latein an einem Tempelhofer Gymnasium. Aufsichten, Besprechungen im Lehrerzimmer, der Weg von einem Klassenzimmer zum nächsten – da fehlt nicht selten die Zeit selbst für einfachste Bedürfnisse. »Manchmal hat man über Stunden nicht die Zeit, aufs Klo zu gehen«, sagt er. Zahlreiche Überstunden zu sammeln, sei in seinem Beruf üblich, genauso wie Arbeit an den Wochenenden, wenn es endlich Zeit gebe, um Klausuren zu korrigieren. Kein Wunder, findet er, dass sich kaum jemand vorstellen kann, Lehrkraft zu werden: »Wenn ich in meinen Abiturkursen frage, wer Lehramt studieren möchte, antworten die Schüler: ›Wir sehen doch, wie Sie arbeiten.‹«

Allein ist Schäfer mit dieser Einschätzung nicht. Gerade mal 20 Prozent der Lehrkräfte in Berlin würden ihren Beruf weiterempfehlen. Das zeigt eine Studie von Forschern der Universität Göttingen, für die 2740 Lehrkräfte befragt wurden. Die Lehrergewerkschaft GEW unterstützte die Erhebung. Weniger als die Hälfte der Befragten gab an, sich mit Sicherheit erneut für den Lehrerberuf zu entscheiden, sollten sie erneut vor der Wahl stehen.

Studienleiter Frank Mußmann spricht von einer »alarmierend geringen« Berufszufriedenheit. »Mit dieser Rate wird es wirklich schwierig, neue Lehrkräfte zu gewinnen«, sagt er. Wie dramatisch schlecht die Arbeitsbedingungen seien, zeige ein Vergleich mit anderen Akademikern: Während gerade mal sieben Prozent aller Hochqualifizierten ihr Arbeitsqualität als »schlecht« empfinden, sind es bei Lehrkräften ganze 45 Prozent. Umgekehrt bewerten gerade mal zehn Prozent der Lehrkräfte ihre Arbeitsqualität als »oberes Mittelfeld« oder »gute Arbeit«, während es bei anderen Akademikern 68 Prozent sind.

»Die Kollegen sind sehr gefrustet«, sagt auch Lydia Puschnerus, im GEW-Landesvorstand zuständig für den Bereich Schule. Weil die Zeitressourcen knapp seien, müssten viele Lehrkräfte Abstriche bei der Unterrichtsvorbereitung machen. »Manchmal fragt man sich, ob man nicht einfach einen Film zeigt, statt Unterricht zu machen«, so Puschnerus. Die Arbeitsbedingungen belasteten viele Lehrkräfte auch gesundheitlich. Unterstützung komme oft nur von anderen Lehrern. »Die Leute sagen dann: Ich ziehe die Reißleine und arbeite ein paar Stunden weniger«, sagt Puschnerus. Dieser Selbstschutz erkläre die hohe Teilzeitquote bei Lehrkräften.

Neben der hohen Arbeitszeit sei es vor allem der mangelnde Arbeitsschutz, der viele Lehrkräfte belaste. An vielen Schulen sei etwa Lärmschutz ein drängendes Problem. Für ihn fehle häufig das Geld – denn die Schulen müssten ihn selbst finanzieren und könnten nicht auf Landesmittel zurückgreifen. Hinzu kämen Kürzungen bei schulexternen Bildungsträgern etwa im Bereich Antirassismus. »Wir nutzen diese Angebote eigentlich gerne«, sagt Puschnerus. Durch die Kürzungen sei das Angebot aber geschrumpft, die Kurse seien oft ausgebucht. Die Stunden müssten so am Ende doch wieder die Lehrkräfte unterrichten.

Wie kann die Situation der Lehrkräfte aber verbessert werden? »Die Lage kann sich nur gravierend ändern, wenn es mehr Personalkapazitäten gibt oder weniger Aufgaben an Lehrkräfte gestellt werden«, sagt Thomas Hardwig, Ko-Autor der Studie. Ersteres bleibe angesichts des anhaltenden Lehrkräftemangels schwierig. Potenzial, Lehrkräften Aufgaben abzunehmen, gebe es aber.

»Manchmal hat man über Stunden nicht die Zeit, aufs Klo zu gehen.«

Ralf Schäfer Lehrer

So glaubten die befragten Lehrer mehrheitlich, dass bis zu 30 Minuten Arbeitszeit in der Woche eingespart werden könnten, wenn Aufgaben bei der Klassenführung, bei der Schulverwaltung oder bei der Aufsicht von nicht-pädagogischem Personal übernommen würden. Auch Aufgaben im Bereich IT, die zurzeit von Lehrkräften getragen werden, könnten demnach auch von Fachkräften geschultert werden.

»Das bringt aber nur etwas, wenn das zusätzlich dazukommt und nicht Lehrkräftestunden ersetzt«, sagt Hardwig. Bislang wird in Berlin nicht nach diesem Prinzip vorgegangen. An den Schulen gibt es zwar sogenannte multiprofessionelle Teams, die etwa zusätzliche Verwaltungskräfte, Logopäden oder IT-Fachkräfte umfassen. Doch um dieses Personal anzustellen, müssen die Schulen Stundenkontingente umwandeln, die für Lehrkräfte vorgesehen sind. Weil die Stellen für Lehrkräfte vor allem in Schulen am Stadtrand häufig nicht besetzt werden können, haben viele Schulen durch diese von Schulsenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) eingeführte Regelung allerdings trotzdem Personal gewonnen.

Wie eine Entlastung durch nicht-pädagogisches Personal aussehen kann, erläutert der Lehrer Ralf Schäfer an Klassenfahrten. Passende Ziele finden, Jugendherbergen buchen, die Kosten abrechnen – das alles hänge derzeit an Lehrkräften. »Das sind Stunden, die oben auf die Arbeitszeit draufkommen«, sagt Schäfer. Dabei könnte ein Großteil von ihnen auch von Verwaltungspersonal übernommen werden. Das gelte auch für Ausflüge und Wandertage. Die pädagogische Konzeption und die Begleitung der Klassenfahrten müssten aber weiter bei den Lehrkräften bleiben.

Ob diese Maßnahmen ausreichen, um den Lehrkräfteberuf wieder attraktiv zu machen? Immerhin geht die geleistete Mehrarbeit wohl weit über die durch Aufgabenneuverteilung möglichen Zeitersparnisse hinaus. Für Thomas Hardwig geht es um eine Signalwirkung. »Man muss das auch psychologisch sehen«, sagt er. Die Lehrkräfte seien in den vergangenen Jahren immer wieder mit neuen Belastungen konfrontiert worden – von Corona bis zur Fluchtkrise. Entlastung habe es dagegen nie gegeben. »Bei den Menschen stellt sich Resignation und Hoffnungslosigkeit ein«, sagt Hardwig. Denn eine Perspektive auf Besserung fehle. Würde der Senat nun Entlastung konkret ins Auge fassen, könnte das zu einem Mentalitätswechsel beitragen. »Das angehen, was möglich ist, das würde schon für einen Stimmungsumschwung sorgen«, glaubt Hardwig.

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