Die USA spielen Gastgeber und Ankläger
Mit dem 100. Jubiläum der Copa América wollten Funktionäre in Nordamerika Geld scheffeln - nun stehen sie dafür vor Gericht
Zwei deutsche Trainer, viele Bundesligaprofis und als Zugpferd Weltfußballer Lionel Messi: Eine Woche vor der EM startet an diesem Freitag die Copa América. Da die ursprünglich reine Südamerikameisterschaft vor 100 Jahren das erste Mal ausgetragen wurde, heißt die Sonderedition nun »Centenario«. Sie ist attraktiv besetzt, leidet aber unter einer schweren Bürde. Die USA spielen eine Doppelrolle als Gastgeber und Gerichtshof für die Übeltäter des Korruptionsskandals im Weltverband FIFA.
Noch kurz bevor in der Nacht zum Samstag in Santa Clara Trainer Jürgen Klinsmann die USA ins Auftaktspiel gegen Kolumbien führen wird, bekommt der erste Hauptschuldige des Bestechungs- und Schmiergeldskandals seine Strafe. Am 1. Mai 2014 hatte Jeffrey Webb, damals Präsident der Verbände aus Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik, noch stolz an der Seite seines südamerikanischen Amtskollegen Eugenio Figueredo, heute in seiner Heimat Uruguay unter Hausarrest, die Jubiläumsausgabe präsentiert. Für beide, ein Dutzend andere panamerikanische Funktionäre sowie gewiefte Geschäftsleute aus der Medien- und Marketingbranche sollte sie ein lukratives Geschäft werden.
Bereits am Freitagvormittag wird US-Richter Raymond Dearie im Distriktgericht von New York sein Urteil gegen Webb sprechen. Neben dem Ex-Verbandspräsidenten der Cayman Islands und ehemaligen FIFA-Exekutivmitglied haben vier weitere Drahtzieher sowie zehn weitere Angeklagte in der Hoffnung auf mildere Strafen ihre Schuld eingestanden. Neun uneinsichtigen Beschuldigten steht erst noch eine Anhörung bevor. Bei der von der US-Justizbehörde am 27. Mai 2015 mit spektakulären Verhaftungen während des FIFA-Kongresses in Zürich publik gewordenen Untersuchung geht es um Bestechungsgeld von mindestens 190 Millionen US-Dollar für die Vergabe von Medien-, Vermarktungs- und Sponsoringrechten in den USA und Lateinamerika - auch für die Copa América Centenario.
Dass ausgerechnet Argentiniens Superstar Lionel Messi, gegen den seit Dienstag in Barcelona wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 4,1 Millionen Euro selbst ein Prozess läuft, dem Turnier spielerischen Glanz verleihen soll, passt eigentlich nicht ins neue Sauber-Image. Doch das Event in zehn Städten, von Orlando am Südostzipfel bis hinüber nach Seattle im äußersten Nordwesten, erzeugt zumindest auf dem US-Markt starke Nachfrage bei TV-Sendern und Sponsoren. Auch der Ticketverkauf, zumindest für die Topspiele, lief gut an.
Sechs Gäste aus Nord- und Mittelamerika, fünf Teams aus den Top Ten der Weltrangliste, vier der acht WM-Viertelfinalisten von 2014: Das verspricht Qualität. In der starken Gruppe A schielen neben den USA und Kolumbien auch Costa Rica und Paraguay mit dem Ingolstädter Dario Lezcano auf eines der beiden Viertelfinaltickets. Klinsmann vertraut auf ein deutsches Quartett aus John Anthony Brooks (Hertha BSC), Fabian Johnson (Borussia Mönchengladbach), Christian Pulisic (Borussia Dortmund) und Bobby Wood (1. FC Union Berlin).
In der Gruppe B ist Brasilien auch ohne den für Olympia geschonten Superstar Neymar und dem verletzten Münchner Douglas Costa Favorit. Das Gleiche gilt für Mexiko und Uruguay, das um den verletzten Torjäger Luis Suarez bangt, in der Gruppe C gegen das von Winfried Schäfer trainierte Jamaika. Die Gruppe D beginnt am Montag mit der Neuauflage des Vorjahresfinales: Gegen Titelverteidiger Chile hofft Argentinien, seine schwarze Serie mit Finalniederlagen bei einer WM, zwei Confed-Cups und drei Copa Américas zu beenden und nach der Südamerika-Meisterschaft 1993 endlich wieder einen großen Titel zu holen. SID/nd
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