Betrogen und vertuscht
Neue Hinweise auf Doping im russischen Fußball
Gastgeber Russland droht ein Jahr vor der Fußball-WM ein neuer Dopingskandal. Richard McLaren, Sonderermittler der Welt-Antidoping-Agentur WADA, geht nach einem ARD-Bericht sogar davon aus, dass es im russischen Fußball ein separates Vertuschungssystem gegeben hat. 155 beschlagnahmte Urinproben von russischen Fußballern, auf die er bei seinen Recherchen gestoßen war, werden derzeit untersucht. »Es gab offenbar eine Bank mit sauberem Urin - und diese Bank wurde offenbar für Fußball genutzt«, sagte der Kanadier laut einer Mitteilung des öffentlich-rechtlichen Senders in einem ARD-Interview. »Ein Vertuschungssystem hat es gegeben, aber es muss noch ein anderes im Fußball gegeben haben.« Der Dopingaufklärer geht davon aus, dass noch weitaus mehr über eine mögliche Vertuschung in Russlands Fußball aufgedeckt wird: »Es ist nur die Spitze des Eisbergs.«
Der Rechtsprofessor hatte im Juli und Dezember 2016 zwei Berichte zu Doping in Russland vorgelegt. Darin schreibt er, dass mehr als 1000 russische Athleten gedopt oder vom systematischen Dopingbetrug mit Hilfe des Staates profitiert haben. Außerdem belegte er, dass positive Dopingtests von russischen Athleten bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi ausgetauscht worden waren. Das Internationale Olympische Komitee will bis Oktober entscheiden, wie Russland für den Sotschi-Betrug sanktioniert wird - ein Ausschluss von den Winterspielen 2018 in Pyeongchang ist nicht ausgeschlossen.
Nun droht dem Sportland weiteres Ungemach: Ein Entzug der Fußball-WM ist unwahrscheinlich. Möglich wäre aber nach Artikel 28 des FIFA-Disziplinarcodes der Ausschluss eines Mitgliedsverbandes. Der Leichtathletikweltverband hatte Russland von den Sommerspielen 2016 in Rio verbannt.
Die FIFA will weiterhin keine konkrete Auskunft zu Ergebnissen der Untersuchung der Dopingvorwürfe geben. »Die FIFA bestätigt, dass die Ermittlungen zu den Anschuldigungen gegen Fußballspieler, die im sogenannten McLaren-Report genannt werden, in enger Zusammenarbeit mit der WADA weitergehen«, teilte der Weltverband mit. Einzelheiten sollten erst mitgeteilt werden, wenn das Verfahren abgeschlossen sei.
Bundestrainer Joachim Löw hat speziell in Bezug auf britische Medienberichte, wonach die gesamte russische Nationalmannschaft bei der WM 2014 gedopt gewesen sein soll, wenig Verständnis. Wenn es so sein sollte, müssten WADA oder FIFA »Ross und Reiter« nennen. Niemand dürfe etwas »unter den Tisch fallen lassen«.
Hinweise auf Doping und dessen Vertuschung gibt es anscheinend viele. Einige wurden zum Beispiel im Mailverkehr russischer Funktionäre gefunden. »Deutlich über dem Grenzwert«, notiert dort ein anonymer Verfasser laut ARD-Bericht in einer Nachricht vom Juni 2015. »Dexamethason«, ein verbotenes Stimulanz, sei im Urin des männlichen Fußballers aus der ersten russischen Liga gefunden worden. Es gehe um die Probe »3878295«. Aus Ermittlerkreisen will die ARD erfahren haben, dass diese Probe von einem aktuellen russischen Nationalspieler stamme. dpa/nd
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