Smartphones als Killerapplikation

Verkehrsclub ACE warnt vor Ablenkung von Fußgängern und Radfahrern durch Mobilgeräte

  • Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 2 Min.

Selbst mittags in den Ferien herrscht Gewusel auf dem Köpenicker Elcknerplatz. Kein Wunder, schließlich ist der Ort der Umsteigepunkt zwischen S-Bahn und mehreren Bus- und Straßenbahnlinien im Südosten der Hauptstadt. Dazu locken gleich drei Einkaufszentren Kundschaft an. Zwischen den vielen eiligen Menschen stechen einige heraus, die eher traumwandlerisch unterwegs sind. Ihr Blick ist auf den kleinen Bildschirm ihres Smartphones fixiert, zum Teil wirken sie wie entrückt.

An allen Ecken der Kreuzung haben sich Männer in roten Hemden an diesem Dienstagmittag postiert. Sie führen Strichlisten. Einer von ihnen ist Frank Fleischhauer, Regionalbeauftragter des gewerkschaftsnahen Autoclubs ACE. »9,1 Prozent der Männer und 4,2 Prozent der Frauen waren mit Smartphone oder Musikplayer beschäftigt«, lautet sein Fazit nach einer knappen Stunde. Bei den separat gezählten Jugendlichen war die Quote deutlich höher: Ein Drittel der Jungs und ein Viertel der Mädchen waren in ihre elektronischen Begleiter versunken. Insgesamt wurden fast 1500 Fußgänger erfasst.

»Damit sind die Köpenicker fast schon vorbildlich«, sagt Fleischhauer. Laut einer Studie der Unfallforscher der Versicherung Dekra, die im April 2016 vorgestellt wurde, waren in Berlin 14,9 Prozent der Fußgänger durch Mobilgeräte abgelenkt. »Die gute Quote hier in Köpenick hängt wohl damit zusammen, dass diesmal sehr viele Senioren unterwegs waren«, vermutet Fleischhauer. Die Zählung ist Teil der bundesweiten Aktion »Finger weg« des ACE, der ein größeres Problembewusstsein schaffen will.

»Es geht nicht um Repression, sondern um Information«, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Matthias Schmidt, der sich - es ist schließlich Wahlkampf - an der Zählung beteiligt. »Natürlich gefährden sich Fußgänger im Gegensatz zu abgelenkten Autofahrern vor allem selbst. Aber sie sollten sich über das Risiko im Klaren sein«, erklärt Schmidt.

»Von 1972 bis 2016 ist die Zahl der Verkehrstoten von rund 21 000 auf 3206 gesunken«, sagt Hans-Joachim Hacker, stellvertretender ACE-Kreisvorsitzender. Viel davon hänge mit technischen Lösungen wie Gurten und Assistenzsystemen zusammen. »Ich glaube, dass wir an einem Punkt sind, wo sich die Zahlen deutlich nur noch durch ein geändertes Verhalten reduzieren lassen.« Und da spielten eben auch Fußgänger eine Rolle.

In Berlin ist die Zahl der Verkehrsunfälle von Januar bis Ende Mai 2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zwar um 3,8 Prozent gestiegen, jedoch ist die Zahl von Verunglückten fast gleich geblieben. Bis Anfang August gab es 14 Verkehrstote, 2016 starben in den ersten sieben Monaten 30 Menschen bei Unfällen.

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