- Anzeige -
LIMA 2025
- Anzeige -

Reichelts Kartoffelbrei

Warum Julian Reichelts Gerede von einem Rassismus gegen weiße Deutsche unsinnig ist

  • Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist selten, dass der Anwärter auf einen Negativpreis persönlich auf einer Verleihung erscheint. Insofern war es bemerkenswert, dass sich »Bild«-Chef Julian Reichelt vergangenes Wochenende in Berlin blicken ließ, seine »Goldene Kartoffel« aber letztlich doch nicht annahm. Sein Auftritt diente eher der Beweisführung, zu zeigen, warum er überzeugt ist, den »Medienpreis für besonders einseitige oder missratene, kurz: für unterirdische Berichterstattung über Aspekte unserer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft« (Jury-Begründung) nicht verdient zu haben. Wohl deshalb hatte Reichelt den »Bild«-Nachrichtenredakteur Mohammad Rabie mitgebracht. Mutmaßliche Logik: Wer einen 2015 aus Syrien geflüchteten Journalisten beschäftigt, könne schließlich keine rassistische Berichterstattung betreiben.

Rassismus warf er dann aber in seiner Rede den Preisstiftern vom Verein Neue deutsche Medienmacher vor: Immerhin gelte der Begriff »Kartoffel« an »Brennpunktschulen, wo die Integration keine Erfolgsgeschichte ist« als eine »Beschimpfung, die sich auf Rasse und Herkunft« beziehe.

Julian Reichelt, ein Opfer von Rassismus gegen Weiße? »Männer und Weiße können ungefähr alles auf der Welt haben, aber Diskriminierung können sie nicht haben. Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße und keinen Sexismus gegen Männer. Das heißt nicht, dass es sie prinzipiell nicht geben kann. Es kann sie nur in dieser Welt nicht geben«, kontert die Kolumnistin Margarete Stokowski auf spiegel.de.

Reichelts Empörung erinnert die Autorin an jene Männer, die sich Sexismus ausgesetzt sehen. »Frauenquote, Frauenbeauftragte, Frauenparkplätze: Alles davon wird regelmäßig als Sexismus gegen Männer ausgelegt.« Verstehe man aber Diskriminierung als einen Mechanismus, »der unterdrückte Gruppen oder Minderheiten von gesellschaftlicher Teilhabe und Gleichberechtigung fernhält, dann ist das eine Erfahrung, die Weiße und Männer als solche in dieser Welt nicht machen können.«

Ähnlich sieht dies die Journalistin Sibel Schick auf taz.de. Reichelt vergesse, »dass Rassismus eine strukturelle Diskriminierung ist, die von gesellschaftlichen Institutionen, Gesetzen und Normen ausgeht. Menschen, die der Mehrheitsgesellschaft angehören, können im Gegensatz zu Minderheiten nicht strukturell benachteiligt werden.« Dass Reichelt einen geflüchteten Journalisten fördert, sei »zweifellos eine gute Sache«, so Schick. Das schließe »aber eine unsaubere Berichterstattung über Migration, Integration und Asyl genausowenig aus, wie eine Mutter zu haben Frauenfeindlichkeit ausschließt.«

Samira El Quassil schreibt auf uebermedien.de, dass sie »sehr lachen« musste, als sie Reichelts Begründung hörte, warum er die »Goldene Kartoffel« ablehne. »Dass der Chefredakteur einer Zeitung, die Begriffe wie ›Döner-Morde‹ und ›Pleite-Griechen‹ erfand oder populär machte, sich durch ein unterirdisches Nachtschattengewächs in seinem Deutschsein herabgewürdigt und diskriminiert fühlt, war unerwartet.«

Reichelt hatte übrigens einen Alternativvorschlag: Er hätten den Preis nach Radieschen benannt. Die seien auch unterirdisch.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

Mehr aus: Aus dem Netz gefischt