Abgehängt im Wind

Die Tour de France wird jetzt entschieden, in der zweiten Woche und im Zeitfahren

  • Tom Mustroph, Albi
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Tour de France ist immer wieder für Überraschungen gut. Glaubt man dem Mutterblatt der Tour, der Sportzeitung »L’Équipe«, dann fällt die Entscheidung des Rennens nicht in der dritten Woche, also dann, wenn alle maximal erschöpft sind und dennoch die großen Alpengipfel bezwingen müssen. Nein, laut »L’Équipe« entscheiden weder die Gipfel am Ende noch überhaupt die Berge.

Ihr Wissen darüber schöpft das Blatt aus der Vergangenheit. Die Daten der vergangenen zehn Jahre wurden untersucht, und interessant war da, wann und in welchen Rennsituationen die größten Differenzen zwischen den drei Erstplatzierten der jeweiligen Tour entstanden. Dabei kamen auf die erste Woche überraschenderweise mehr als ein Drittel der Abstände (35 Prozent), auf die zweite Woche gar 37 Prozent, und auf die dritte, die in aller Augen entscheidende, nur noch 28 Prozent. Noch verblüffender sind die Resultate, wenn man sich die Rennsituationen anschaut. Fast die Hälfte der Zeitabstände zwischen den Podiumsbesetzern entstanden im Zeitfahren: 44 Prozent. 30 Prozent wurden in den Bergen herausgeholt. 19 Prozent der Abstände wurden durch Stürze und Sturz bedingte Verzögerungen verursacht. Und immerhin noch sieben Prozent konnten gegen Mitwerber im Flachen herausgeholt werden, vor allem durch bessere Positionierung bei den sogenannten Windkanten, also dem schnellen Fahren bei Seitenwind, bei dem sich mitten im Feld plötzlich Lücken bilden.

Erklärlich sind die etwas überraschenden Daten wohl damit, dass die besten Drei ähnliche Regenerationsfähigkeiten haben; darin unterscheiden sie sich von dem großen Rest. Die Differenzen untereinander holen sie aber offenbar dann heraus, wenn ihre Helfer noch fit genug sind.

Bezogen auf die aktuelle Situation bedeutet das alles, dass die Abstände im Teamzeitfahren bereits großes Gewicht besitzen. Die Teams von Geraint Thomas und Egan Bernal (Ineos) sowie Thibaut Pinot (Groupama FDJ) kamen da im Abstand von nur zwölf Sekunden zueinander ins Ziel. Weiter zurück lagen schon Jakob Fuglsang (Astana) und Adam Yates (Mitchelton Scott, je 21 Sekunden Rückstand). Das Movistar-Duo Mikel Landa und Nairo Quintana büßte gar 45 Sekunden ein, Romain Bardet (AG2R) 59 Sekunden. Das ist bereits eine heftige Hypothek.

Am Montag sollte sich die statistische Vorhersage trotz eines eher flachen Terrains erneut bestätigen. Der zuvor zweitplatzierte Giulio Ciccone (Italien), der drittplatzierte Franzose Thibaut Pinot, der Vierte George Bennett aus Neuseeland, der Achte Rigoberto Uran sowie der auf Rang neun platzierte Däne Fuglasang verloren nach einer Tempoverschärfung im Wind den Anschluss. Auch Movistars Co-Kapitän Landa wurde knapp 15 Kilometer vor dem Ziel abgehängt. Sie alle verloren mehr als eine Minute auf die restlichen Favoriten. Den Tagessieg sicherte sich der Belgier Wout Van Aert im Sprint einer kleinen Gruppe, zu der auch Emanuel Buchmann gehörte, der nun im Gesamtklassement auf Rang fünf liegt.

Es gibt allerdings auch Ausreißer: Andy Schleck etwa, Sieger der Ausgabe 2010, holte 77 Prozent seines Vorsprungs auf die Nächstplatzierten in den Bergen heraus. Den Movistar-Kletterern und auch Bardet bleiben also Hoffnungen. Größer allerdings und vor allem realistischer dürften die Hoffnungen von Titelverteidiger Thomas sein. Ihm rollt die Statistik gewissermaßen den gelben Teppich zur obersten Podiumsstufe aus. Denn vier der letzten zehn Toursieger waren in den Bergen zwar schwächer als die Zweitplatzierten, gewannen aber dennoch - vor allem dank ihrer Stärke im Zeitfahren. Dieses Szenario traf auf Bradley Wiggins (2012) zu, gar zwei Mal profitierte Chris Froome davon (2015, 2017). Und auch der 2011er Sieger Cadel Evans war in den Bergen schwächer als Andy Schleck.

Geraint Thomas, eher Zeitfahrer als Kletterer, braucht also nur darauf zu achten, in den Bergen nicht zu weit zurückzufallen. Er selbst fuhr im Vorjahr 72 Prozent seines Vorsprungs im Zeitfahren heraus. Ähnliche Werte ermittelten die Datenanalytiker auch für die seine siegreichen Landsleute Froome und Wiggins. Froome sicherte sich 2013 sogar 94 Prozent seines Vorsprungs im Kampf gegen die Uhr.

Wenn die Vergangenheit die Zukunft bestimmt, dann kommt also dieser zweiten Woche der Tour de France die größte Bedeutung zu, auch wenn wie jedes Jahr an diesem Dienstag ein Ruhetag ansteht. Sie hat aber eben auch das Einzelzeitfahren am Freitag in Pau im Programm. In der dritten Woche gibt es gar kein Zeitfahren mehr.

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