Ungemach von allen Seiten
Bremen ist der Bundesliga-Standort, an dem sich derzeit die Probleme häufen: Mit der Lokalpolitik gibt’s Streit, der Abstieg droht
Kein Gebäude prägt den Bremer Osterdeich so sehr wie das Weserstadion mit seinen markanten Flutlichtmasten. Seine Fassade, eine Photovoltaikanlage, die im Jahr so viel Strom erzeugt wie die Besonnung des Rasens verbraucht, spiegelt sich im Sommer besonders schön im Sonnenlicht. Alle Jahre wieder ist zu dieser Jahreszeit ein Mannschaftsbus in Schleichfahrt die Rampe zum Stadion runter gekrochen, während eine grün-weiße Masse den Insassen noch einmal einimpfte, um was es geht. Das Zusammengehörigkeitsgefühl von Verein (Werder) und Stadt (Bremen) hat zu preisgekrönten Aktionen wie der »greenwhitewonderwall« geführt. Auch deshalb ist der SV Werder nach seinem einzigen Abstieg 1980 immer erstklassig geblieben.
Doch in Corona-Zeiten scheidet der Schulterschluss zwischen Publikum und Profis als Faktor aus. Sollten nur ein paar Hundert Anhänger auf die Idee kommen, zum Montagsspiel gegen Bayer Leverkusen (20.30 Uhr) eine Ansammlung am Spielort zu veranstalten, könnte das böse Folgen haben. Innensenator Ulrich Mäurer hat seine Drohung erneuert, Geisterspiele zu verbieten, sollten diese »wegen der Fans zum Infektionsrisiko« werden. Mäurer betrachtet den Start der Bundesliga ohnehin als »unsägliches Signal«. Der SPD-Politiker hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) seit dem Polizeikostenstreit als erstes Feindbild ausgemacht. Seine Fehde mit der Liga-Organisation bringt den wichtigsten Werbeträger der Hansestadt in die Zwickmühle: Die lokale Politik hat den Bremer Berufsfußballern erst spät den Wiedereinstieg ins Training erlaubt.
Die Werder-Bosse kämpfen just an vielen Fronten. Aufsichtsratschef Marco Bode rügte vergangenen Mittwoch die DFL für eine schlecht vorbereitete Beschlussvorlage, auch bei Saisonabbruch zwei Absteiger zu küren. Trainer Florian Kohlfeldt verspricht weiterhin, das rettende Ufer oder die Relegation zu erreichen. Paderborn, Mainz und Köln sind auf der Zielgeraden drei der letzten vier Bremer Gegner. Die sportlichen Probleme - auch bedingt durch kaum gelungene Kaderzusammenstellung des Managers Frank Baumann - stecken allerdings in einem Stapel voller Probleme. Kein Liga-Standort scheint beim Re-Start fragiler aufgestellt.
Nun machte auch der Klub keine gute Figur. Werder vermeldete am Dienstag den Ausfall von Claudio Pizarro wegen einer Muskelverletzung, was bei einem 41-Jährigen passieren kann. Allerdings kam am Freitag heraus, dass Pizarros Tochter bei einer freiwilligen Testrunde unter den Familienangehörigen positiv auf das Coronavirus getestet wurde, weshalb sich die Stürmer-Legende in 14-tägige Quarantäne begab. Er selbst ist zwei Mal negativ getestet worden. Davon berichtete die »Bild«-Zeitung am Freitag. Der Verein bestätigte den Fall im persönlichen Umfeld eines Profis erst mit Verzögerung - nannte den Namen jedoch nicht. Baumann beruhigte: »Das Vorgehen zeigt, dass das medizinische Konzept greift.« Für Mannschaft und Betreuer habe zu keinem Zeitpunkt Gefahr bestanden.
Pizarro wäre bei fünf erlaubten Auswechslungen ein sicherer Kandidat dafür gewesen, in allen der letzten zehn Bremer Bundesligaspiele eingewechselt zu werden. Nun weiß der Altstar nicht mal, ob er die Partie zuhause sehen kann. Die Live-Übertragung bei DAZN steht auf wackligen Füßen. Eurosport/Discovery als ursprünglicher Rechteinhaber für die Montagsspiele liegt mit der DFL wegen eines Sonderkündigungsrechts im Clinch. Womöglich kommt es erst am Spieltag zu einer juristischen Lösung mit dem Streamingdienst.
Dabei haben Duelle zwischen Bremen und Leverkusen oft hohen Unterhaltungswert. In der Vorsaison kassierte Werder gegen die Werkself eine 2:6-Abreibung. Baumanns Vergleich, sein Klub müsse sich für den Rest der Saison wie die »kleinen Gallier« verhalten, könnte also durchaus passen. Nur wo gibt es den Zaubertrank, der am besten gleich noch gegen ein tückisches Virus immun macht?
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.